Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-03-01 · Heft 3 (1.3.1881) · p. Seite 69

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 3 (1.3.1881)
Date
1881-03-01
Page
Seite 69 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969670-2969674--0077-2970478
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

69 konnten diese thätigen Kräfte nicht missen, und er knüpfte neun Jahre nach ihrer Verbannung Unterhandlungen wegen ihrer Rückkehr mit ihnen an. Der Nachfolger Philipps setzte die Räche des Vaters auf die Anklagebank und sagte in seinem Dekrete: Sein Vater habe durch schlechte Nathgeber die Juden verwiesen, die allgemeine Stimme des Volkes fordere ihre Rückkehr. Was ist dagegen aus Spanien, dem weitgebietenden Weltstaate, nach der Verbannung seiner besten Kräfte geworden? Blühende Fluren verödeten, der Ackerbau verfiel, der Gewerbfleiß stockte; wohlhabende Dörfer sanken in Trümmer, betriebsame Städte wurden entvölkert. Armuth, Schmutz und Trägheit lagerten sich über die einst reichen uild glücklichen, von zahllosen Städten, Landhäusern und Gartenanlagen übersäeten Gegenden, von deren entschwundener Pracht noch jetzt gewaltige Ruinen Zengniß geben." Spanien hat seitdem das antisemitische Glück genossen, daß keine Handelsleute und hosenverkanfende Jünglinge in leinen heiligen Hallen sich aufhielten. Ob aber Deutschland Spanien ob seiner Blüthe zu beneiden braucht? Und was haben die Dunkelmänner im Anfänge des sechzehnten Jahrhunderts mit ihrer Judenverfolgung bezweckt? Sie fielen in die Grube, welche sie den Juden gegraben. Die Wogen der Leidenschaften gingen immer höher und höher bis sie über den Köpfen der Stürmer zusammenschlngen. Es bildete sich im Stillen ein Bund, ein Bund ohne Leiter und Gesetze, dem jedoch stillschweigend oder ausgesprochen alle bessergesinnten Männer angehörten. Die f" umanisteu haben mit frischen und wuchtigen Schlügen das alte Gemäuer der ierarchie in seinen tiefsten Grundfesten erschüttert, in Schrift und Wort, in Gesang und Lied, wie Lerchenstimmen den Lenz verkündet und eine reine Atmosphäre geschaffen, in welcher die duftigen Blüthen der Geistesfreiheit sich entfalten konnten. An diesem Bunde brachen sich die Hörner der Anstifter, zerschellte das Ansehen der finstern Priesterpartei. Die Antisemiten machen sich vor dem ganzen Auslande, außer den Ungarn, die in die Fußtapfen der civilisirten Deutschen treten, lächerlich. Ein französisches Journalkann sich nicht genug über den seltsamen Borwurf wundern, die Juden ließen ihren Kindern eine gute Erziehung angedeihen. „Aus Ehrgeiz", ruft ein Schooßkind Stöckers. Nun, wenn der Ehrgeiz keine schlimmeren Früchte trügt, dann müßte man im Namen der Bildung wünschen, alle Menschen wären so ehrgeizig. Ein englisches Blatt wundert sich darüber, daß ein Professor in Berlin im nennzehnteil Jahrhundert vor großer Versammlung die Juden in Schutz nehine, daß nicht sie, sondern die Römer Jesus gekreuzigt hätten. Gesetzt sie hätten es gethan; was kümmerte dies die heutigen Juden? Welcher Gebildete wird die Neugriechen deshalb hassen, weil ihre Vorfahren Sokrates getodtet haben? Auch ihr hoher Wohlthätigkeitssinn wird ihrem Ehrgeize zugeschrieben; das ist zlvar im Allgemeinen zu bestreiten. Aber der Ehrgeiz ist doch auch ein allgemeiner Fehler der menschlichen Natur. Er beflügelt das Streben des Jünglings, er treibt den Mann an, Aemter und Würden zu erlangen, den Soldaten, imnler höhere Chargen zu erringen. Der Ehrgeiz strebt nach Ländern und Kronen und erregt blutige Kämpfe. Man kann wahrlich mit diesem Fehler bei den Israeliten znfrieden sein, wenn er sie zur Mildthätigkeit spornt. Die mit so vielem Aufsehen betriebene Massenpetition gereicht gerade den Unterzeichnern nicht zur Ehre. Einen Erfolg wird die Bittschrift kaum haben, dafür bürgt der gesunde Sinn der besonnenen Mehrzahl des deutschen Volkes;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.