Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1881)
- Date
- 1881-03-01
- Page
- Seite 67 (sequence 11)
- Language
- German
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67 ob viele Christen sich rühmen können," sagt Lessing, „mit einem Juden aufrichtig verfahren zu sein; und sie wundern sich, wenn er ihnen Gleiches mit Geichem zu vergelten sucht." Wenn wir mit vorurtheilslosem Sinne die Geschichte befragen, so finden wir ursprünglich keine Spur von nationalem Widerwillen zwischen Germanenthum und Judenthuin. Es offenbarte sich durchaus kein Rassenhaß zwischen Germanen, Juden und Römern. „Beim Eintritte der Germanen in die Länder Westeuropas wohnten die Juden frei, gleichberechtigt und geachtet unter ihren Mitbürgern, allen bürgerlichen Beschäftigungen, dem Land bau, dem Handwerke und dem Handel obliegend, nur den ungestörten Frieden ihrer Religiousübung heischend, die Wissenschaften mit Eifer pflegend und in freundschaftlichem Verkehre mit den romanischen und germanischen Völkerschaften. Was hat finsterer Glaubenswahn und fanatische Priesterwuth aus diesen friedlichen Bürgern gemacht? Parias im schlimmsten Sinne, des Wortes, weil ihnen ihr Mcnschenthum nicht einmal Anspruch auf Schonung ' ihres Lebens gab, und die Ermordung eines Juden der bethörten Menge als ein gottgefälliges Werk erschien. So sah Geschlecht nach Geschlecht diese Unglücklichen ohne Kenntnis; ihres srühern glücklichen, gleichberechtigten Zustandes und noch jetzt begegnet man vielfach der aus Unkenntnis; hervorgehenden Ansicht, daß den germanischen Völkern eine von der Natur eingepflanzte ursprüngliche Antipathie gegen die Inden inncgewohut habe." Constautin verwehrte den Uebertritt zum Judenthuin, sein Nachfolger verbot die Ehe zwischen Christen und Juden und untersagte ihnen christliche Sklaven zu halten, Honorius und Theodosins II. schlossen sie von den meisten Aemtern und Würden aus. So wurden sie nach und nach ihrer Rechte und Freiheiten, welche die Römer unangetastet ließen, vollständig beraubt. Jede Unzufriedenheit, mochten die Leibeignen mit der Adelshcrrschaft, mochten die Freisinnigen mit der Priestcrgcwalt im Streite liegen, begann fortan mit einer Judenverfolgung. Jeder sociale Uebelstaud wurde den Juden zur Last gelegt, die Juden waren stets die Süudenböcke, die Prügelknaben, auf die Alles zuschlug. Die Kreuzfahrer, welche das heilige Grab den Türken entreißen wollten, begannen mit einer ungeheuren Jndenmassacre. Was gingen die Albigenser- und Hussitenkämpfe die Juden an? Auch diese fingen mit schrecklichen Judenmetzeleien an. Und dabei wurde stets von ihnen verlangt, sie sollten die christliche Religion lieben und sich taufen lassen. Betrachten wir ohne Voreingenommenheit einige systemathisch betriebene Judenverfolgungen in der Geschichte, so werden wir leicht einsehen, daß sie entweder vom niedrigsten Eigennutze oder finstern Priesterwahne ausgingen und immer zum Schaden und Verderben der betreffenden Staaten endigten. Fast komisch, wenn nicht so schrecklich bitter für die betroffenen Juden, klingt die Erzählung, wie zwei Fürsten, Kaiser Albrecht I. und Philipp der Schöne, gleich zwei listigen Füchsen, die sich gegenseitig das Lamm zu entreißen streben, um das Geld der Juden sich überlisteten. Kaffer Albrecht verlangt von Philipp die Auslieferung der Juden Frankreichs, Philipp merkt die Absicht, will den Profit in seine Tasche stecken, beeilt sich, die Juden auszuplündcrn und heißt sie nun „in des Kaisers Kammer fahren". Ans schnöder Habgier, wie diese einige Jahre später bei Aushebung des Tempelvrdeus sich kundgab, ließ Philipp unvorbereitet die Juden, Alt und Jung, Frauen und Kinder, einkerkern und befahl ihnen binnen Monatsfrist mit Zurücklassung ihres Ver-