Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1881)
- Date
- 1881-03-01
- Page
- Seite 65 (sequence 9)
- Language
- German
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T 1 65 wohnlich für anständig gehaltenen Nahrungszweigen ausschlossen, und die Fürsten ihreHofjuden zwangen, Geldgeschäfte zu machen. Der alte israelitische Staat war ein Ackerbaustaat. Abraham, Isaak und Jakob, die Patriarchen, waren keine Handelsleute. Moses weidete die Schafe am Berge Horeb, als die erste Offenbarung an ihn erging. „Genießest Du den Erwerb Deiner Hände, heil Dir und wohl Dir!" ruft der Psalniist. Viele berühmte Talmudgelehrte waren Handwerker, Rabbi Josua war ein Nagelschmied, Rabbi Scheschet ein Zinimermann, Rabbi Jose ein Böttcher, Rabbi Nehemia ein Töpfer. Man findet unter den Talmudlehrcrn alle Arten des Handwerks vertreten: Schuhmacher, Schneider, Müller, Schmiede, Gerber, Bäcker. „Groß ist die Arbeit, sie ehrt den Mann", lehrt der Eine, der Andere: „Größer ist, wer von der Arbeit lebt, als wer blos gottesfürchtig ist." Ein Dritter schärft seinen Schülern ein: „Dauert eine Hungersnoth sieben Jahre, die Thürc des Handwerkers erreicht sie nicht." Von einer Stammeseigenthümlichleit, von einem eingewurzelten Triebe zum Handel kann also keine Rede sein; durch Ausschließung von allen Zünften und Gewerben sind die Juden, da sie ihr Leben erhalten wollten, gezwungen worden, das Einzige, was ihnen nicht versagt wurde, zu betreiben und von Vater auf Sohn zu vererben. Und sie mußten wegen der Habgier und Unersättlichkeit ihrer Schutzherren ihr Handelstalent in fortwährender Uebung erhalten und sehr ergiebig machen. Denn mit mehr Pfiffigkeit, als die Juden Geld erwarben, wußten diese in Form von ordentlichen und außerordentlichen Steuern, Opferpfennig, Ehrung, Geleitgeld, es ihnen abzunehmen- Sie wurden von allen Seiten gerupft. Die Fürsten und Patrone waren höchst erfinderisch in der Besteuerung und Ausbeutung der Juden. Reichte die List nicht aus, so brauchten sie Gewalt. Man legte ihnen gewissenlos die Kosten des Constanzer Conzils auf und forderte von ihnen unerschwingliche Summen zur Bestreitung der Hussitenkriege. Die Juden mußten bis in die neueste Zeit hinein, man fragte nicht wie, Geld beschaffen. Jetzt sollen sie, nach drei Jahrzehnten der Gleichberechtigung, plötzlich wie ein Phönix sich verwandeln und den Handelsgeist ablegen. Wie schwer aber ein angeerbter Fehler zu verwischen sei, sieht man ja an dem ebenfalls vererbten Judenhasse. Und öffnete denn die Gleichberechtigung alle Pforten des Unterhalts? Wenn auf dem Verwaltungswege viele Thürcn ihnen verschlossen blieben, ist es da ein Wunder, wenn sie in die geöffneten in auffällig dichten Schaaren einziehen? Der Wehrsland wird ihnen auf dem Verwaltungswege ganz versperrt, der Nähr stand zum Theil. Löwe hat es bereits im Parlamente ausgesprochen, daß der Handwerkerstand den Juden verleidet wird. Jüdische Arbeiter werden von christlichen Meistern (ans so tiefer Stufe steht noch, Dank dem ewigen offenen und geheimen Schüren, die Humanität) nicht gern ausgenommen und von rohen Gesellen wegen ihrer Abstammung und Religion mit Stichelreden belästigt. Dem Verfasser ist ein Fall bekannt, daß ein katholischer Maurergeselle in einer vorwiegend protestantischen Stadt wegen ähnlichen Betragens seiner protestantischen Collegen, täglich von ihnen abgesondert sein Mittagbrod verzehrte. Ebenso, wenn nicht schlimmer, ergeht es jüdischen Handwerkern. In die Hallen des Lehrberufes dürfen sie in letzter Zeit unter Beschränkungen und also blos ausnahmsweise eintreten. Neben der medizinischen ist es nur noch die juristische Laufbahn, die den Studirenden israelitischer Religion Aussicht ~”f Erfolg verspricht. Es ist daher ganz natürlich, daß, wenn viele Berufs- )en noch heute den Juden unzugänglich sind, sie in den ihnen gestatteten sich i