Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1881)
- Date
- 1881-03-01
- Page
- Seite 64 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Mit allgemeinen Tiraden, die leer und inhaltslos sind, wird sich das Helle Geistesauge unbefangener gesunder Denker nicht blenden lassen, um ehrliche friedliche Menschen, die ihre Pflichten als Bürger vollauf erfüllen, in Bausch und Bogen mit Schimpf und Schande zu überhäufen, ihnen Fehler anzudichten und sie der allgemeinen Verachtung preiszugeben. Für gravirende Anschuldigungen müssen aber unwiderlegliche Beweise beigebracht werden. Und welche Fehler sind es denn vorzüglich, welche den Juden vorgeworfen werden? In ihren; wahren Lichte betrachtet, sind es theils allgemein menschliche, welche man nach dem bekannten Sprichwort vom Balken und Dorne bei den verhaßten Juden bemerkt, theils solche, die aus ihrer früheren traurigen Lage herrühren, welche die heute noch nach vielen Seiten hin verkürzte Gleichberechtigung nicht leicht zu beseitigen vermag. Materielles Streben neben idealem ist gewiß sehr berechtigt, weil nothwendig. Ohne dasselbe fehlte der Welt das Ferment, welches sie in Bewegung und Thätigkeit erhält. Nun ist es bekanntlich ein allgemeiner Fehler der Menschen, daß sie nicht innner, ja selten das richtige Maß nach beiden Richtungen hin einzuhalten verstehen. Herrn Hofprediger Stöcker scheint es wenig bekannt zu sein, daß in jüdischen Kreisen ideale Bestrebungen reiche Pflege finden, welchen besonders hervorragende jüdische Theologen der Gegenwart, welche ganz der Wissenschaft leben, mit unausgesetztem Eifer und ohne Hinblick auf Nutzen und Anerkennung sich hingeben. Anders denkt darüber der berühmte christliche Prediger Beecher in New-Aork, wo bekanntlich auch sehr viel Juden leben. In' der heiligen Weihnachtszeit, in welcher von Berlin die Kunde kam: „In verschiedenen Caffeehäusern tauchte plötzlich eine Anzahl verhetzter Leute auf mit dein Rufe: Hie Antisemiten, nieder mit den Juden! Zum Glück waren in der heiligen Nacht keine Juden vorhanden"; in dieser Zeit sprach der New-Aorker Prediger: „Wir hatten gehofft, daß die Judenverfolgung ihr Ende erreicht habe und unter allen europäischen Stationen hielten wir.das vorgeschrittene Deutschland für die letzte, die eine solche Ungerechtigkeit unterstützen würde. Das offene Gestündniß der Deutschen, daß sie die Juden, als ihnen überlegen, fürchten, verräth Schwäche und ruft Erstaunen hervor. Wenn dies in Amerika zutrüfe, würde mein Stolz mir niemals erlauben, cs auszusprcchen. Wenn in diesem Lande der Jude auf geradem Wege und ohne Begünstigung dem Christen den Vorrang ablaufen kann, möge er cs thun, aber das von einem so stolzen Volke wie die Deutschen kommende Geständnis; ist dcmüthigend. Wenn die Juden die deutschen Gesetze befolgen und keine Vortheile vor ihren deutschen Landsleuten voraus haben, sich größerer Wohlfahrt erfreuen als letztere, so liegt hierin eine göttliche Mahnung an die Deutschen, sich zu ermannen und Besseres zu erlangen. Die in Deutschland in Umlauf gesetzte, gegen die Juden gerichtete Bittschrift ist, in welchem Lichte man sie auch betrachtet, erbärmlich. Sie ist eine Schande für eine Nation, die wir hochachteu. Die Welt ist zu weit vorgeschritten, um einer solchen Verfolgung für längere Zeit Bestand zu sichern, und keine Nation kann ungestraft das Verbrechen begehen, dessen die Deutschen angeklagt werden würden, falls sie dabei beharren." Es ist eine historische Thatsache, daß der Handelsgeist den Juden zum großen Theil von den Christen anerzogen' wurde, indem sie sie von allen ge-