Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1881)
- Date
- 1881-03-01
- Page
- Seite 62 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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62 ist, durchwirkt von Sonne, Mond und Sternen und Myriaden farbenreicher Pflanzen: so bist du kein fremder im Hause unseres Gottes! Ist dein Schöpfer erhaben über jede sinnliche Form, jeden rohen Stoff, jede menschliche Gestalt, und bist dn dir bewußt, daß in der Mitte deines Volkes das Licht dieses Gottes anfgegaugen und dann in die Geschichte eingezogen ist, um über altes und modernes Heidenthum allmälig zu fiepen: so bleibst du ein eingeborner Sohn des Hauses Israel! » Ist dir der Name dieses Schöpfers heilig, erfüllt er dich mit der tiefsten Scheu und Ehrfurcht, hütest du dich ihn zu entweihen durch lügenhaftes Wort und trügerische That: so gehörst du ihm an und bist sein Anhänger! Ist dein Haus eine Stätte der Genügsamkeit und des Gottvertranens, der Gattentreue, der Kindesliebe, der Elteruvcrchrung, der Milde und des Erbarmens gegen Menschen und Thiere: so bist du ein preiswürdiger Nachkomme deines Stammvaters Abraham! Ist dein Verhältnis; zur Außenwelt begrenzt von den Gesetzen der Gerechtigkeit und Redlichkeit; findest du keinen Gefallen an einer bluttriefenden Staatsweisheit, nennst Mord, Mord, ob er im Zweikampfe verübt wird oder auf dem Schlachtfelde zur Befriedigung von Herrschsucht und Ländergier; trübst du nicht das eheliche Glück deines Nachbars durch schnöden Eingriff in dessen Haus; verschmähst du alle jenen geheimen Kunstgriffe, welche den Besitz deines Nebenmenschen schädigen; kann jedes deiner Worte auf der Wage der Wahrheit gewogen werden: so rühme dich, daß deine Borfahren einst am Fuße des Sinai versammelt waren! Ist endlich dein Herz frei von allen bösen Gelüsten und gemeinem Begehren, rein von Neid, Mißgunst, Scheelsucht, Übelwollen und Bosheit, heilig in deni geheimsten und verborgensten Schlupfwinkel >vie das Allerheiligste Adonai's: ö, dann beugen wir uns Alle vor dir, dann bist du nicht blos ein Bekenner des Judenthums, sondern ein heiliger, ehrwürdiger Hoherpriester des Gottes, welcher die Heiligung und die Reinheit des menschlichen Herzens als das letzte Grund- und Hanptgcbot den Buudcstafeln eingraben und durch den Mund seines Propheten i Micha 6, 8) für alle Zeiten verkünden ließ: Übe Recht und Gerechtigkeit, bethätige Liebe und Güte, wandte züchtig, keusch und bescheiden, das ist es, was Gott von dir fordert zu deiner eigenen Glückseligkeit! Siehe, an unserem Feste wird ein kleines Buch gelesen, das Buch Rut. Darin findest dn kein Gesetz über das, was rein oder unrein, erlaubt oder verboten ist und dennoch nimmt es seinen Platz in der heiligen Schrift ein >md wird am großen Feste der Offenbarung in Israel aufgeschlagen, warum? Weil es uns menschliche Vorbilder der Liebe, der Treue des Edelsinnes, der Aufopferung vorführt und ein rührendes Gemälde von Personen entwirft, welche vom Heiligenschein der Sittlichkeit umflossen sind.*) Ist aber der blinde Zufall in der Schöpfung und in der Geschichte der Menschheit dein Gott, dem dn nicht vertrauen, den dn weder im Geiste verehren, noch im Leben heiligen kannst; wird deine Welt beherrscht von den unreinen Geistern der Genußsucht, der Unkeuschheit, der Herrsch- und Habgier; sind deine edelsten Organe das lüsterne Auge, die trügerische Zunge, die gewaltthätige Hand, das begehrliche Herz: kennst du kein anderes Gesetz, das deine Leidenschaften zähmt und zügelt, als das Eriminnlrecht des Staates; besteht deine Religion *1 Rut r. c. 2.