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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-03-01 · Heft 3 (1.3.1881) · p. Seite 61

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 3 (1.3.1881)
Date
1881-03-01
Page
Seite 61 (sequence 5)
Language
German
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61 falsches Zeugniß ab^ufegen, oder wurden die Heranwachsenden hebräischen Kinder nicht zu jeder Zeit angehalten Vater und Mutter zu ehren? Haben die Gesetzgebungen von Egypten, Babylon und Rom nicht auch Mord, Ehebruch, Diebstahl und falsches Zeugniß verboten, ohne die Bundestafeln des Sinai je gekannt zu haben? Wird nicht vom Talmud sogar ein Heidensohn als Muster der kindlichen Verehrung eines Vaters angeführt? Oder waren vielleicht unsere Vorfahren in einem solchen Zustande der Verwilderung und der Barbarei, daß ihnen die Elemente aller Sittlichkeit frenid blieben und Gottes Herrlichkeit selbst sich herniederlassen mußte, um ihnen zu gebieten, keine Mörder, Diebe und Lügner zu sein? Drängen, sich nicht diese Fragen jedem denkenden Leser der Thora von selbst auf? Allein gerade hierin offenbart sich die Hoheit, und die Herrlichkeit des Judenthums! Denn am Sinai wurden nicht dunkle, priesterliche Göttersprüche verkündet, sondern bekundet und bezeugt ward ,es für alle Zeiten, daß das Judenthum die Heiligung oder die Sittlichkeit des menschlichen Lebens auf dem Gebiete der Religion voranstellt, sie als den tiefsten Grund und die höchste Spitze oder als die triebkräftige Wurzel und die schönste Frucht der wahren Religion betrachtet. Morgen- und Abendopfer, Morgen- und Abendgebet, Formen, Übungen, Bräuche und Sitten gleichen dem warmen Sonnenstrahl, dem erquickenden Thauj dem erfrischenden Regen, den nährenden Naturelementen, welche erwärmen, erweichen und das Wachsthuin fördern; der Boden der Religion aber ist das Herz, der Geist, der Wille, der Gedanke, das Gefühl, die Gesinnung. Die edelste Frucht der Religion aber ist das sittliche Leben, das sittliche, heilige Thun und Handeln des Menschen in seinein eigenen Hause als Gatte und Gattin, Vater und Mutter, Sohn und Tochter, Herr und Diener und im Verkehre mit den Nebenmenschen in Beziehung auf das Leben, die Familie und den Besitz des Andern, den Namen, die Ehre, die Ruhe und den Frieden des Andern. Darum lesen wir ans den beiden Bundestafeln des Sinai, welche den bleibenden und treibenden Geist des Judenthums mitten in allem Formenwechsel enthalten, von dem reinen Gottesglauben, von der reinen Gottesverehrung ohne Bild und Gleichniß, und von dem reinen, keuschen, heiligen und sittlichen menschlichen Leben. Sprich daher nicht, wie es einzelne Männer vor sechshundert Jahren in Spanien gethan, die, einer unjttdischen Schwärmerei huldigend, die sonnenhelle Klarheit des Judenthums trübten und deren geistesarme Nachtreter in der Stickluft des Chassidismus heute fortleben, sprich daher nicht: Wozu bedurfte es einer feierlichen pomphaften Offenbarung in Israel für die Grundelemente der Sittlichkeit, welche auch Griechen und Röniern durch die Eingebungen der Vernunft und auf dem Wege geistiger Entwickelung bekannt wurden?*) O nein! Heidnische Religion ist äußeres Formel- und Priesterwesen; Judenthum aber ist die Heiligkeit des Herzens, die Lauterkeit der Seele, die Reinheit der Gesinnung, die höchste Sittlichkeit verwirklicht und bethätigt in allen Beziehungen dieses Erdenlebens. Dies wurde besiegelt ain Sinai, das ist das innerste Wesen des Bundes, der dort für alle Zeiten geschlossen wurde. Sage daher nicht, Israelit, ich fühle mich fremd in Israel, ich stehe nicht mehr mit meinen modernen Überzeugungen auf dem Boden des Judenthums, ich trage einen Namen, der für mich zum leeren Schall geworden ist! O nein! Ist dein Schöpfer nicht der blinde geist- und gewissenlose Zufall, sondern die höchste Vernunft oder Weisheit, deren sichtbares Gewand Himmel und Erde *) R. Mose de Leon in seinem Werke „Hamischkal.“

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