Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1881)
- Date
- 1881-03-01
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969670-2969674--0068-2970469- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
60 sein Thun und Lassen weiht und heiligt, seine Lüste und Leidenschaften auf dem glühenden Altar des Herzens opfert, ist der echte Priester des Herrn! „Du Abraham," sprach Gott zum Stammvater Israels, du bist und bleibst für alle Zeiten mein Priester;*) dein reiner Geist, dein lauteres Herz, dein edler Sinn, dein friedliches, versöhnliches, menschenfreundliches Wirken weihen dich zum Priester, ohne daß ein Tropfen heiligen Ols dich gesalbt hätte." Ihr Alle, Alle, spricht Gott, die ihr bereit seid meinen Bund zu wahren, die Verbindung des Göttlichen mit dem Menschlichen, sollt sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk.**) Die Priester und das Volk — so ward es heute laut verlesen***) — sollen zusammen, untereinander am Fuße des Sinai harren, um die Worte der Offenbarung anzühören, die auch nicht ein Gebot oder eine Lehre enthalten, welche nur den Priestern und nicht dem ganzen Volke zur Beobachtung eingeschärft worden wäre. Wohl hatte Israel in dem ersten Jahrtausend seines weltgeschichtlichen Ganges, als es sein eigenes Land besaß, auf welchem ein Altar sich erhob, auch eine Priesterschaar, welche Opfer darbrachte, über Rein und Unrein urtheilte, das Gesetz bewahrte und erklärte, als dasselbe noch nicht in das Volksleben eingedrungen und dessen Kenntnis) nicht allgemein verbreitet war. Allein die Priester in Israel waren nie die Herren der Gewissen, die Tyrannen des Glaubens, die Henker des Geistes. Der Opfercultus wurde zerstört, ihr Reich ging zu Ende, die Thora aber blieb zurück, wurde von Nichtpriestern erläutert und entwickelt, und das Judenthum erhielt sich seinem innersten Wesen nach bis auf den heutigen Tag. Ja, die jüdischen alten Weisen, in deren Mitte der echte Geist des Judenthums kühn und mächtig gar oft die Schwingen regte, thaten den Ausspruch: Einst wird man nicht denjenigen einen Priester in Israel nennen, welcher, auf seine Abstammung pochend. Hebe- und Opferstücke verzehrt, sondern den, der auf dem Gebiete der Thora heimisch und dessen Geist vom Lichte des Sinai erleuchtet ist. Ist Denn ff) der wahrhaft Fromme und Menschenfreundliche, dessen Herz voll Liebe sich regt, ist der wahre Priester und Sendbote Gottes! Eine Religion, welche nicht mit dem nationalen Gemeinwesen ihrer ersten Träger unzertrennlich verwachsen ist, nicht einer abgeschlossenen Priesterkaste ihre Lehren und Grundschriften übergibt zur alleinigen 'Auslegung und Einprügung, sondern ein ganzes Volk für ein heiliges Reich von Priestern erklärt, eine solche Religion wird im Gegensätze zu allem Heidenthum weder auf ein besonderes Staatsgebiet, noch auf äußerliches priesterliches Thun den Hauptwerth und den Hauptton legen, sondern auf das reine und lautere, heilige und sittliche Leben und Streben, Wollen und Handeln ihrer Anhänger — und hiermit gelangen wir zu dem wichtigsten Theile unserer Betrachtung. Gewiß werden viele in dieser Versammlung gleich mir sich die Frage vorgelegt haben: Warum werden die letzten sechs Gebote, die Grundlagen aller Heiligkeit, mit so großer Feierlichkeit unter Donner, Blitz und Posaunenschall von Gottes Herrlichkeit selbst auf dem Sinai verkündet'? War es etwa den Israeliten vor dieser Verkündigung erlaubt zu morden, zu ehebrechen, zu stehlen, *) Gen. r. c. 55. **) Exod. 19, 6. ***) Exod. 19, 24. f) Exod. r. c. 37, ff) Sokar Nasso.