Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1881)
- Date
- 1881-03-01
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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59 Und nun erst der Inhalt dieser zehn Worte, welche in der Wüste verkündet wurden: „Du sollst keine andere Götter vor mir haben!" vor mir, vor meinem Antlitze, in meiner Gegenwart. Wo ist mm dieser Gott? Wie weit reicht sein Auge, wo ist er anwesend mit der Fülle seiner Macht? Hier, dort, oben, unten, rechts oder links? Ist der Gott, welcher keine Götter neben sich duldet und anerkennt, der Beherrscher einer einzigen Nation und eines einzigen Reiches, oder ist der ganze Himmel sein Thron und die ganze Erde sein Machtgebiet? Dieser Gott kann von keinem menschlichen Gleichnisse getroffen und unter keinem menschlichen Bilde dargestellt werden, er ist der reinste, lauterste und erhabenste Geist, der nur im Geiste und vom Geiste erkannt wird, und Er, den das Auge nicht sieht und die Hand nicht in eine Form bannt, wäre ein Nationalgott, beschränkt und begränzt, mit den Merkmalen und Kennzeichen einer einzigen Nation behaftet? Und die übrigen Worte des Sinai? Sollten sie wirklich blos für Israel Geltung haben? Könnte Jemand alles Ernstes behaupten, daß der Schöpfer des Himmels und der Erde, wie das vierte Gebot Gott nennt, allen Völkern außer Israel Mord, Ehebruch, Diebstahl und falsches Zeugniß gestatte? Wäre das derselbe Gott, welcher ans den ersten Blättern der Thora die verderbenbringende Flut rauschen ließ iiber die bewohnte Erde, weil sie geschändet u>ar durch die Gewaltthütigkeit der Menschen? Gewiß wendet sich die Thora zunächst an ein einziges Volk, an das in der Wüste versammelte israelitische, welches ein besonderes Land in Besitz nehmen, dasselbe dem von ihm erkannten Gotte heiligen, nach einer eigenen Staatsverfassung ordnen und durch einen Tempel diesem Gotte weihen wird. Denn jede große und erhabene weltgeschichtliche Wahrheit weht nicht etwa gleich der Luft, die Jedermann einathmet, sondern muß erst in einem Einzelnen, dann in einem kleinen Kreise von empfänglichen Gemüthern Wurzel fassen und sich einleben, bevor sie hinaustreten, sich allmählich ausbreiten und die Geister von Millionen Menschen durchdringeu und beherrschen kann! „Israeliten," ruft die Thora aus, „Gott hat euch zu Trägern und Vermittlern der höchsten Wahrheiten erkoren, nicht >veil ihr andere Völker au Zahl und Macht übertreffet, sondern weil ihr einer der kleinsten Menschenstämme, daher geeignet und berufen seid, das euch anvertraute religiöse Gut zu hüten, zu hegen, zu halten und vor unlauteren Beimischungen zu bewahren, bis es Gemeingut der ganzen Menschheit ans der ganzen Erde sein wird" (Dt. 7, 7). Frei von den Fesseln der Nationalität ist das Judenthum auch keine Priesterreligion. Es kennt keine religiöse Mysterien oder Geheimnisse, welche in abgeschlossenen Räumen gefeiert und von Priestern gedeutet werden.*) Es enthält keine einzige Wahrheit, deren Zugänge nur den Priestern und nicht dem ganzen Volke geöffnet sind. Es hat kein Buch, das vor den Priestern allein und nicht vor jedem Menschen, der zu lesen vermag, aufgeschlagen liegt. Der erste Hohepriester, sagen die jüdischen Weisen,**) war Adam, und das erste Kleid das er anlegte, als Abzeichen der Menschenwürde, war ein hohepriesterliches Gewand. Denn jeder Mensch, der über das Thierische und Rohe sich erhebt, seiner höhern Abstammung und Bestimmung sich bewußt ist, *) Jesaia 45, 19. **) Num. r. c. IV. 5*