Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1881)
- Date
- 1881-03-01
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Allein jeder unbefangene Leser des heiligen Fünfbuches muß einräumen, daß die zehn Gebote denn doch einen besonders ausgezeichneten Platz in demselben einnehmen. Welche feierliche Vorbereitung geht ihnen voran! Moses leitet sie ein mit einer herzgewinnenden, in dichterischem Ebenmaße einhcrtönenden Rede, welche an die Befreiung aus Egypten erinnert und eine große Zukunft verheißt; das Volk muß sich heiligen, festlich kleiden und rüsten zwei Tage vor der außerordentlichen Erscheinung; der Sinai flammt in glühendem Feuer, die Donner rollen, die Blitze zucken, Posaunenrufe erschallen, die ganze Wüste erbebt in Ehrfurcht und Gottes Herrlichkeit selbst redet vor den Ohren des ganzen versammelten Volkes. Müssen nicht diese Worte, welche so unvergleichlich sich ankündigen, denn doch eine höhere Bedeutung beanspruchen als alle anderen Theile der Thora? fühlen wir es nicht, wenn wir unser Herz und unser Gewissen befragen, daß denn doch ein Unterschied waltet zwischen jedem dieser zehn Worte und dem Gesetze z. B. daß man am Wochenfeste zwei Farren, einen Widder und sieben Lämmer als Opfer darbringen soll? Gewiß! Jeder Mensch, dessen religiöses Bewußtsein gesund und kräftig und nicht von dem spielenden und spitzfindigen Verstände verwundet ist, wird bekennen müssen, daß sowohl die feierliche Art der Verkündigung als die Auswahl und der Inhalt der zehn Worte des Sinai den letzteren einen besonderen Rang anweisen in der Ordnung der Thora und im Zusammenhänge des Judenthums, daß sie gleichsam die Sonne sind, welche alle Himmelslichter der Religion durch ihr Feuer und durch ihren Glanz überstrahlt. Worin aber besteht dieser Vorrang und Vorzug? Wir wollen diese Frage niit einem Satze beantworten, welche für die Erkenntnis; und die Zukunft des Judenthums von der größten Wichtigkeit ist, mit dem Satze: Die feierliche Verkündigung der zehn Worte des Sinai sollte das israelitische Volk für alle Zeiten belehren, daß das Judenthum seinem innersten Wesen nach weder eine nationale noch eine Priesterreligion ist; daher die Heiligung des menschlichen Lebens oder die vollendete sittliche Lebensführung in den religiösen Vordergrund stellt. Dadurch ward das Judenthum sofort dem Boden des alten Heidenthums entrückt, sein Bestand und seine Fortdauer für alle Zeiten gesichert. Wer und was ist d e r Gott, dessen Herrlichkeit enthüllt und dessen Stimme vernommen ward am Sinai? War es der Gott eines einzigen Volkes, ein Staats- und Stammgott, ein Schntzgott einer einzigen Menschenfamilie, wie die Götter von Egypten,' Phönicien, Assyrien und Babylon? War sein Reich oder sein Machtgebiet beschränkt auf ein bestimmtes Land, das zwischen so und so viel Länge- und Breitegraden gelegen, vom großen Meere und vom Libanon begrenzt war? Schon der Schauplatz der Offenbarung zeugt dagegen! Denn wir stehen da nicht ans einem Boden, der Israels Eigenthum ist und auf welchem sein politisches Gemeinwesen ein nationales Gepräge an sich trügt, nicht in einem Lande, das etwa allein dem Seepter dieses Nationalgottes unterworfen ist, sondern vor unserem Auge dehnt sich die Wüste hin, die, wie bereits von den Alten hervorgehoben wurde,*) herrenlos ist, Niemandem gehört; ein Bild jener Religion, deren Lehren, Wahrheiten und Tröstungen jedem Menschen, wo und wer er auch sein mag, offen und zugänglich sind. * ) Mecliilta Jcthro.