Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1881)
- Date
- 1881-02-01
- Page
- Seite 54 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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54 ist ja überwunden, welcher den Handel, selbst den Kleinhandel, als etwas Entbehrliches oder gar Schimpfliches ansieht. Auch Kauf- und Handelsleute sind nothwendige Glieder in der Arbeiterkette und unentbehrlich unter den Berufsarten. Für Fabrikation wie Consum ist selbst der Kleinhandel unentbehrlich, und der Handel überhaupt ein nothwendiger Faktor des Nationalwohlstandes. Principiell und faktisch ist es nachweisbar, daß Länder und Völker, selbst die reichsten, ohne Handel zurückgehen und verarmen. Daß das Handwerk darniederliegt, ist allgemein anerkannt. Dafür sprechen die Arbeiter- und Socialistenbewegungen, das Streben nach Schutzzöllen, Innungen, Beschränkungen der Gewerbe- und Handelsfreiheit. Jrideß auch der Ackerbau hat seinen goldenen Boden verloren. Will man denn christlicherseits mit Gewalt die Juden vom Handel abziehen, nun — so eröffne man ihnen die Beamten-Carriere, aber der Art, daß nicht über jeden jüdischen Referendar und den Anblick jüdischer Schüler an den Gymnasien und Studirender an den Universitäten ein Nothschrei erhoben werde. Schließlich gebe man sich nicht der Täuschung hin, zu glauben, daß durch die Zurückziehung der Juden , vom Handel und durch Hinwendung zum Handwerk der christliche Judenhaß schwinden werde. Man würde da gar bald in gleicher Weise das Uebermaß der Judenherrschaft auf dem Gebiete des Handwerkes beklagen, wie man es jetzt auf dem Gebiete des Handels, der Börse, der Presse und sogar der Wissenschaft, Kunst und Schulbildung thut. Nicht weniger würden auch Bauern und Adelige ihren Hülferuf ertönen lassen, wenn die Juden in Masse sich dem Ackerbau und der Erwerbung des Grundbesitzes zuwenden würden. Es ließen sich dafür sogar schon jetzt Beispiele aus Deutschland, wie dem Auslande anführen.*) Wücherschau. — „Tn bist nicht ferne von dem Reiche Gottes" lautet die Überschrift einer bei Franz Benjamin Auffarth erschienenen Predigt über Ev. Marci 12, 34. gehalten am 4. Adventsonntage den 19. December 1880 von Rudolph Ehlers, i)r. phil. Consistorial-Rath und Pfarrer der deutschen ev.-ref. Gemeinde zu Frankfurt a. M. *) Nachtrag. Nach Schluß habe ich Gelegenheit, Einsicht von der Bevölkerungsaufnahme des Jahres 1871 in Preußen zu nehmen. Der Staat zählte damals 24,7 Mill. Einwohner Davon beschäftigten sich 12,3 Mill mit Land- und Forstwirthschaft; 7,5 Mill. mit Industrie, Bergbau- und Hüttenwesen; 2,2 Mill. mit Handel und Verkehr und 2,7 Mill. mit sonstiger Berufsthätigkeit. Also etwa V» gehört der Groß- und Kleinindustrie an; ziehen wir davon diejenigen ab, welche dem Bergbau und Hüttenwesen angehören und diejenigen, welche der Großindustrie zuzurechuen sind: wie vi le bleiben dann noch für das Handwerk übrig? Ein Beweis, wie sehr überall das Handwerk danieder liegt, wie wenige auch in der christlichen Bevölkerung sich dem Handwerke widmen, während doch die Hälfte der Einwohner Land und Forstwirthschaft betreibt. Das Hand'.rerk ist während der letzten Jahre noch tiefer gesunken; das Verhältniß der Bevölkerungsziffern wird heute uoch viel ungünstiger sein, und nun sollen wir gegenwärtig mit Gewalt die jüdische Jugend in das uneinträgliche Handwerk hineintreiben?