Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1881)
- Date
- 1881-02-01
- Page
- Seite 53 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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53 auch hier nicht gefunden. Das Handwerk hat in der That seinen goldenen Boden verloren und überliefert seinen Mann trotz anstrengender und anhaltender Arbeit dem Proletariat, oder doch dem Mangel und der Abhängigkeit. Das ist kein Köder, um Neulinge zu gewinnen. Ehemals war das Handwerk lohnender, denn jetzt, wo es von Capital und Großindustrie niedergedrückt ist. Die Fabriken liefern billiger, schneller und besser, selbst da, wo nicht Maschinen-, sondern Handarbeit gefordert wird, weil durch die Theiluug der Arbeit der einzelne Arbeiter in den einzelnen Theilen seines Fabrikats eine größere Uebung und Fertigkeit gewinnt. Nicht blos aus Neigung, sondern aus Bedürfmß wird dadurch der Handwerker zum Kaufmann; er ist nicht blos oder gar nicht mehr Arbeiter, sondern Verkäufer der Maaren seines Handwerkes, die er aber nicht immer, oder überhaupt nicht selbst verfertigt, sondern der Schnelligkeit und Billigkeit, wie auch meistens der besseren Beschaffenheit wegen aus der Fabrik bezieht. So ist es nicht nur bei Juden, sondern auch bei Christen. Auch beschränkt man sich dabei nicht ans Erzeugnisse eigener Branche, sondern verkauft gleichzeitig, da die Lebensbedürfnisse sowohl vielfacher als theurer geworden sind, diejenigen anderer, wenn auch verwandter Art. Der Schneider fertigt nicht blos Kleider an, sondern gründet eine Handlung von Kleidern, welche er von anderswo bezieht, und handelt mit Kleiderstoffen und sonstigen für die Anfertigung von Kleidungsstücken nothwendigen Gegenständen. Der Schuster bezieht seine Schuhwaaren oder deren Theile billiger, schneller, reichhaltiger und schöner aus Fabriken; der Handwerker wird dem Händler gegegenüber zum Schuhflicker. Der Friseur handelt niit allen Gegenständen der Toilette, der Kürschner mit fertigen Pelzwaaren, der Kappenmacher auch mit Hüten. Der Uhrmacher hält auch Goldwaaren, der Goldschmied auch Uhren feil, welche Beide nicht selbst angefertigt haben; ja man trifft heute selten oder gar keine Goldwaaren und Uhren, welche nicht aus Fabriken bezogen worden sind. Uhrmacher und Goldarbeiter als Handwerker leben fast nur von Reparaturen. Wenn das Handwerk dadurch auch nicht überflüssig gemacht wird, so besteht es doch nicht mehr allein für sich, ausschließlich von seiner Händearbeit; die Verbindung mit dem Capital ist ihm nothwendig geworden. Da würde es auch ein vergebliches Hoffen sein, daß der Jude durch Fleiß, Sparsamkeit und Intelligenz das Handwerk heben könnte; das Handwerk kann einmal des Capitals nicht entbehren. Dazu hat der Jude noch mehr Lebensbedürfnisse, welche ihm Religion, Cultus und politische Lage auferlegen. Ein Hincinzwängen des Juden in den Handwerkerstand wird ihn daher nur dem Proletariat entgegenführen, dem fast jeder christliche Handwerker angehört, welcher ausschließlich von seiner und nun noch gar alleinigen Händearbeit leben muß. Auch ist nicht zu leugnen, daß der jüdische Handwerker noch vielfach mit confessionellen Vorurtheilen zu kämpfen hat, nicht nur bei der Gewinnung christlicher Kundschaft, sondern auch bei der Anwerbung christlicher Gesellen. Trotz alledem erklären wir uns principiell nicht gegen die Beförderung des Handwerkes unter den Juden, denn das Handwerk ist unentbehrlich und außerdem auch der Ausgangspunkt der Fabriken; aber es muß dafür eine Beurtheilung von Fall zu Fall Vorbehalten bleiben. Eine massenhafte Verbreitung des Handwerkes, wie eine gleichartige Ablenkung von Handel vermögen wir nicht zu empfehlen. Die vorteilhafte Position, welche der Handel den Juden in ihrer besonderen Lage geschaffen hat, darf weder nutzlos und freiwibig aufgegeben werden, noch dürfen wir uns daraus verdrängen lassen. Der Standpunkt