Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1881)
- Date
- 1881-02-01
- Page
- Seite 51 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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51 welche eng mit der neuen politischen und socialen Gleichstellung der Juden zusammenhingen, um sie der allgemeinen Berufsthätigkeit gleich der übrigen Bevölkerung zuzuführen. Zu diesem Zwecke beschränkte man sich nicht blos auf die Empfehlung des Handwerkes, sondern förderte in gleicher Weise die Verbreitung der Künste und Wissenschaften unter den Juden. Die Bestrebungen dafür fielen auf fruchtbaren Boden; sowohl den Handwerken, wie den Künsten und Wissenschaften wandten sich die Juden vielfach und zahlreich zu, zum Beweise, daß die Juden dem Handel und Schacher nicht vorzugsweise hold sind und weder körperliche noch geistige Anstrengungen scheuen. Wenn sie dennoch den Boden des Handwerkes nicht pflegten und die Betreibung des Handwerkes nicht gar zu häufig unter den Juden gefunden wird, so liegt dies in der Ungunst der Verhältnisse, welche anfänglich noch größer war, als jetzt; denn nicht nur, daß das Handwerk anfing, seinen goldenen Boden von ehemals zu verlieren, die Juden hatten auch noch besonders mit der Ungunst der Zeitverhältnisse zu kämpfen, indem der christliche Handwerkermeister den jüdischen als einen unberechtigten, oder doch unwillkommenen Nebenbuhler ansah und das consumirende Publikum zu dem jüdischen Neuling noch nicht das rechte Vertrauen faßte. Die damals noch allgemein herrschende orthodox-religiöse Richtung erschwerte ebenfalls in vielfacher Hinsicht die Erwählung und Betreibung des Handwerkerberufes. Jndeß hatte die Beförderung des Handwerkes unter den Juden auch noch eine andere Veranlassung. Christlicherseits nämlich beschuldigte man die Juden der Arbeitsscheu und glaubte, daß darin die Vorliebe der Juden für den Handel und Schacher begründet liege. Gerade dieser Vorwurf wiederholt sich in unfern Tagen, und darauf hin ist das Streben bei den Juden auch wieder rege geworden, das Betreiben des Handwerkes unter den Juden zu fördern. Wir wollen untersuchen, ob der Vorwurf der Christen jetzt berechtigter und das Streben der Juden aussichtsvoller ist. Zur Widerlegung des Vorwurfes seitens der Christen berufen wir uns auf das allgemein bekannte und anerkannte Schriftchen des freiprotestantischen Pfarrers L. Rost: „Die Berufsthätigkeit der Juden. Gegen den Vorwurf ihrer Arbeitsscheu. Alzey, Weiß 1880." Auch diese Schrift ging aus der Strömung der Zeit hervor und hatte die herrschende antisemitische Richtung, wie besonders den angeführten Vorwurf zur Veranlassung. Aber an der Hand der Geschichte weist der unparteiische, wahrheits- und gerechtigkeitsliebende Verfasser mit Angabe von Personen, Thatsachen, Jahreszahlen und Quellen nach, daß die Juden zu keiner Zeit die anstrengende Arbeit gescheut haben, nirgends und niemals vorzugsweise dem Handel obgelegen, sondern stets alle Arten von Handwerken, auch die schwersten und gefährlichsten, getrieben haben, bis sie unter dem Einfluß des christlichen Klerus durch Staats- und Zunftgesetze aus der Gesellschaft und dem Handwerke verdrängt, auf den Schacher, Trödel und Handel hingedrängt wurden. Da aber, wo dieser mittelalterliche Druck nicht ausgeführt wurde, wie in den osteuropäischen Ländern, lagen und liegen sie heute noch vorzugsweise dem Handwerke ob, welches, von der meistentheils bäuerlichen Bevölkerung der Christen, welche hörige Pächter des allein zu Grundbesitz berechtigten Adels sind, wozu Inden nicht genommen werden, vernachlässigt, fast ausschließlich in den Händen der dort zahlreich lebenden Juden sich befindet. Wo sie aber zum Ackerbau mitberechtigt sind, zeigen sie sich überall als ebenso tüchtige, wie arbeitssame Oekonomen. Daß übrigens die Juden mit dem Schacher und Kleinhandel ein müßiges und weniger anstrengendes Leben führen, wird Niemand zu