Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1881)
- Date
- 1881-02-01
- Page
- Seite 47 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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47 „Ein Heide, der mit der Thorah sich beschäftigt (d. h. der sich der religiös-sittlichen Vervollkommnung ernstlich befleißigt), ist so viel werth als der Hohepriester". — „Ich rufe Himmel und Erde zu Zeugen auf, daß Heide wie Jude nur nach der Tugendhaftigkeit seines Lebenswandels beurtheilt und gerichtet wird" und andere dieser Art. Wie schon ist die Stelle: „Rabbi Akiba sagte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist das wichtigste Kapitel der heiligen Schrift. Ben Asai aber sagte: Ich weiß noch ein weit wichtigeres, nemlich: Das ist das Buch von der Schöpfung des Menschen (womit alle Menschen als Brüder bezeichnet werden)." — Ich kann es mir nicht versagen, eine merkwürdige Stelle aus einem weniger bekannten jüdischen Schriftsteller aus dem 13/14 Jahrhundert anzuführen. Der jüdische Poet Immanuel Romi, der Freund Dantes, hat wahrscheinlich die „göttliche Komödie" des letzteren nachahmend, eine Höllen- und Himmelfahrt in hebräischer Sprache gedichtet.*) Darin findet sich folgende schöne Stelle: „Als wir nun in den leuchtenden Gassen des Paradieses umherschweiften und den hohen Rang der Weisen schauten, sah ich auch Männer voll Hoheit und Würde, ihr Glanz verdunkelte Sonne und Mond. Ich erkannte nicht einen derselben und fragte meinen Führer, wer diese sind. Da sprach er zu mir: „Das sind die Frommen unter den Heiden, welche ihre Weisheit und ihren Verstand angestrengt haben und so gut sie konnten die Stufen auf der Leiter der Weisheit hinangestiegen sind; die nicht waren wie ihre Vorfahren, ein widerspenstiges verdorbenes Geschlecht. Sie forschten mit ihrer Vernunft über den Schöpfer und Weltbildner, der sie durch seine Gnade ins Dasein rief, aus dem Nichts, und über den Zweck ihres Daseins, die menschliche Bestimmung. Als sie nun fanden, daß die Lehren ihrer Vorfahren unbefriedigend seien, forschten sie auch in anderen Religionen. Sie blieben nicht eigensinnig bei dem, was ihnen überliefert wurde, sondern sie eigneten sich das Wahre und Treffliche aller Religionen an. Daran, worüber unter den Religionen keine Meinungsverschiedenheit herrscht, hielten sie fest und von dem >vas alle Völker verwerfen, wendeten sie sich ab. Und über Gott dachten sie so: Jedes Volk nennt ihn anders; mag nun sein Naive wie auch immer sein — wir glauben an einen ewigen Schöpfer und Erhalter, dessen Weisheit unerforschlich, der seine Geschöpfe alle liebt und für sie sorgt, wie ein guter Hirt für seine Heerde. Er wird uns einst zu sich rufen und seine Herrlichkeit wird uns zum ewigen Leben eingehen lassen." — „Haben wir nicht alle einen Vater, hat uns nicht ein Gott geschaffen," — dieses allen Schichten des jüdischen Volkes geläufige Prachtwort mußte auch der starrsten Selbsteiugenommenheit einen Tropfen Humanität einflößen. — Aber auch bezüglich der jüdischen Ketzer und Häretiker liefen neben den intoleranten manche mildere Aussprüche, welche die ersteren in gewissem Grade paralysirten und ihre Schürfe abstumpften. Die Sage von Beruriah, der Frau des Rabbi Meir, ist bekannt, welche ihrem Gatten das Beten um den Tod seiner schlimmen Nachbarn verwies, indem sie sagte : „Es steht geschrieben: die Sünden sollen vertilgt werden von der Erde, nicht die Sünder." — „Der Herr des Weinbergs wird schon selbst kommen, und ihn von Dornen säubern" rief einmal ein Rabbi aus. Der Prophet Elisa wird getadelt, weil er den Gechasi „mit zwei Händen wegstieß", denn man soll an der Besserung der Schlechten nicht verzweifeln. Die Jndulgenz gegen Häresie konnte sich darauf berufen, daß einem Rabbi Hillel, der den Messias leugnete nur ein „Gott verzeih's ihm!" zugerufen wurde und *) Jmmamul, Makame No. 28.