Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1881)
- Date
- 1881-02-01
- Page
- Seite 46 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Das Interesse au dem sittlichen Zustand der Heiden bekundet deutlich genug ein ganzes prophetisches Buch: das Buch Jonah. Zwar muß zugegeben werden, daß die mosaische Gesetzgebung eine ausgesprochen nationale Färbung, einen partikularistischen Zuschnitt hat. Die universalistische Seele des Judenthums, sein Monotheismus und die init diesem eng verbundene Sittenlehre, war zufolge der Religionsgesetze in einen nationalen Leib gebannt*); der prophetische Universalismus geht darum auch Hand in Hand mit dem Bestreben, das äußerliche Religionswesen, Opfer und Ceremonialgesetze in den Hintergrund zu dränge«, und den Monotheismus und das Sittengesetz als das Wesentliche des Jsraelitismus geltend zu machen; der Geist strengt sich an, seine partikularistische Hülle zu sprengen, aus der nationalen Inkarnation sich loszulösen. Selbst der Rabbinismus, so großes Gewicht er auch auf die Ceremonialgesetze legte, konnte sich der Einsicht nicht verschließen, daß in den messianischen Zeiten die ceremoniellen Observanzen aufgehoben werden müssen, wie dies in mehreren Stellen der rabbinischen Literatur ausgesprocheu ist. Wie erklärt sich die Toleranz des Judenthums gegen auswärtige Religionen, selbst gegen den Polytheismus, den es doch sonst so stark perhorrescirte? Darf man sie mit dem naiven Gottesbegriff des Jsraelitisnius in Zusammenhang bringen, der nicht ein Produkt mystisch-philosophischer Spekulation war? oder mit seiner dem Diesseits freundlich zugekchrten Weltanschauung, der antiken Lebensfreudigkeit, welche da von keinem weltschmerzlichen Zug angekränkelt war und nicht sowohl eine Seligkeit jenseits des Grabes, sondern die Glückseligkeit des Erdendaseins l nicht im eudämonistischen, sondern im ethischen, Sinn) als Ziel der Religion betrachtete? Oder lag es au seinem kerngesunden ethischen Mark, das seinen von ceremoniellen Parasiten noch so sehr belästigten Organismus durchquoll? Mir scheint, daß wir es vorzugsweise dem Umstand zuschreiben diirfen, daß der jüdische Monotheismus weniger einen dogmatischen als einen ethischen Charakter hatte und daß das Judenthum den Polytheismus perhorrescirte, sofern er mit der ethischen Kultur unvereinbar und die Ursache der heidnischen Sittenlvsigkeit war; während es nicht verkannte, daß die erleuchteteren Heiden jenen grobsinulichen Polytheismus mit seinen moralischen Ausschweifungen entsagten und sich dem gcläuterteren Polytheismus znwendeten, »velcher, wie bei Grieche», mehr als poetische Lichtbrechung des Einheitsgedankens und als Uebergang zum Monotheismus sich kennzeichnet und welchem die ethische Triebkraft nicht gebrach, »venu ihm auch die Stärke des reinenMonotheismus abging. (Lag doch der Schwerpunkt des biblisch-prophetischen Judenthums in seinen ethischen Partieen, wie dies aus zahlreichen Stellen der prophetischen und psalmistichen Literatur ersichtlich ist.) Daher begegnen uns selbst in den rabbinischen Schriften mancherlei Aussprüche, die von einer so weitherzigen Toleranz gegen Nichtisraeliten eingegeben sind, daß man an dem Zeitalter ihrer Entstehung irre werden könnte und glauben mochte, sie stammen ans dem Jahrhundert des Lessing und Mendelssohn. Wir wollen nur an den in der erbaulichen Literatur häufig wiederkehrenden Spruch erinnern: „Die Gerechten unter den Heiden sind der ewigen Eiligkeit theilhaftig." Welchen erquickenden Duft strömen Sprüche aus wie: *) Die kosmopolitische Idee lag ja bei» Alterthmn ganz und gar fern; sie entwickelte sich erst mit der Ausdehnung der römische» Weltmacht, der stoischen Philosophie und der hebräischen Prophetie.