Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1881)
- Date
- 1881-02-01
- Page
- Seite 45 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969670-2969673--0052-2970452- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
45 barvölkchen, verzeichnet. Indessen kann doch die Abgeneigtheit gegen Religionskriege daraus geschlossen werden, daß in der israelitischen Literatur sich keine derartigen Velleitäten kund geben. Eine andere Erwägung könnte jedoch dieses unser Toleranzbewußtsein erheblich herabstiminen. Es könnte gesagt werden: Die auswärtige Intoleranz des mittelalterlichen Christenthums manifestirt sein Universalitätsbewußtsein, seine Tendenz, die ganze Menschheit mit der ihr innewohnenden Kultur zu beglücken; das Judenthum hingegen beschränkte sich mit nationaler Engherzigkeit auf seinen Stamm und verhielt sich gegen die religiös-sittliche Civilisation der übrigen Menschheit indifferent. Wer indeß die prophetische Literatur aufschlägt, der wird sich alsbald von der Unhaltbarkeit dieser letzteren Annahme überzeugen können. Oeffnen doch jene hocherleuchteten Geister, die man Propheten nennt, häufig genug die Perspektive in jenes goldene Zeitalter der Zukunft, wo alle Menschen den einzigen Gott bekennen und in Wahrheit verehren werden. Ans der hohen Warte der Humanität dringt ihr Blick in die blauen Fernen, wo das Banner der ungetrübten Gotteserkenntniß alle Menschen einigen wird zur Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe, wo „die Erde voll sein wird der Erkenntniß Gottes, wie Wasser den Meeresboden bedecket" (Jes. ll, 9. Hab. 2, 14.); wo der Berg Zion als religiöser Leuchtthurm emporragen wird für alle Völker, welche den. Götzendienst verwerfen, der Lehre die von Zion ausgeht, sich zuwenden und sich gegenseitig ermuntern werden: „Kommt, laßt uns hinauf gehen zum Berge Jahveh's zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns zeige jeine Wege, daß wir wandeln in seinen Pfaden" (Jes. 2, 1—4. Michah4, 1—5. Jerem.'Z, 17; 16,19—20); wo die Lippen der Völker in lautere umgewandelt sein und sie einmüthig den Gott Israels anrufen und verehren werden (Zephanjah 6, 9) und der israelitische Gott König sein wird iiber die ganze Erde, er allein als Gott wird anerkannt werden. (Secharjah 14, 9. Ps. 22, 28 — 29.) Man sieht, es waren nicht blvs kurze Lichtblicke vereinzelter Stimmen, oder traumhaft dämmernde Ahnungen, sondern der weltumspannende Geist des Monotheismus war in Heller Deutlichkeit zum allgemeinen Selbstbewußtsein gelangt; wie ein breiter Lichtstrom fluthet er durch die hebräische Poesie und tränkt sie mit der Idee der Weltkultur, welche alle partikularistische Stofflichkeit abgestreift hat. Und dieser Strom versiegte keineswegs mit dem Abschluß der klassichen Periode. Erzeugte sich doch aus demselben der messianische Gedanke, jene anmuthige Fata Morgana, welche den schmachtenden jüdischen Pilger erquickte und mit Muth bejeelte auf seiner Wanderung durch die Wüste des Mittelalters; jenes strahlende Gestirn, dessen vernünftigen Kern die Idee bildet, daß einst alle Menschen zur sittlichen Vollkommenheit, zur Tugend, Gerechtigkeit und Liebe sich erheben werden; so mancher irrationale, superstitiöse Schweif sich an die Idee auch angesetzt hat. Schloß doch der Jude sein Gebet täglich mit den Worten: „Wir hoffen auf dich, Herr unser Gott, in Bälde zu schauen die Herrlichkeit deiner Allmacht, daß die Götzen verschwinden von dem Erdboden und alle Sterblichen dich anrufen, daß du allein regierest in Herrlichkeit über alle Völker" und jedes neue Jahr wurde und wird von dem Israeliten mit dem herrlichen Gebet eröffnet: „Wohlan, lasse kommen die Ehrfurcht vor dir, Ewiger unser Gott, über alle deine Werke uud deine Verehrung über alle deine Geschöpfe, auf daß dich ehrfürchten alle Werke und dir huldigen alle Geschaffenen; daß alle Menschen vereinigt werden zu einem Bunde und deinen Willen thun mit ganzem Herzen."