Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1881)
- Date
- 1881-02-01
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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40 zu sitzen, den Richterstuhl der Vernunft besteigt, wo sie auch die häßlichsten Auswüchse der Barbarei ätiologisch zu begreifen suchen muß, wird sie sich darüber klar werden, daß die trüben Quellen der Unduldsamkeit eher in der Sphäre des Intellekts, als in der des Fühlens und Wollens ihren Ursprung haben. Die mittelalterliche Kultur war durchaus theokratisch. Daß Religion und Sitte mit einander verwachsen, mit allen Fasern gegenseitig verflochten seien, galt ihr als unerschütterliches Axiom. Sittlichkeit ohne Religion war in jenen Zeiten nicht denkbar und auch Gesetz und Recht hatte die Religion zur Basis und zwar war die Meinung, daß nur allein die eigne Religion mit ihrem ganzen Apparat von Dogmen, Sakramenten und Institutionen den Rechtsstaat und die Moral tragen und stürzen könne. Bei dieser Voraussetzung könnte der religiös Abtrünnige oder Ketzer nicht anders betrachtet werden, denn als Verbrecher, und gar derjenige, der von der herrschenden Religionslehre abweichende Meinungen kundgab, oder verbreitete, mußte folgerichtig als der Gefährlichsten Einer erscheinen, da er die Grundlagen der Kultur, des Staats und der Moral gefährdete. Um die bona fides des Malefikanten kümmert sich das Strafgesetz auch jetzt noch sehr wenig und auch das Privaturtheil der Massen pflegt nicht nach der Absicht, sondern nach der Wirkung einer That oder eines Charakters den Menschen zu schätzen. War so einerseits die Unduldsanikeit noch immer eine Konsequenz des theokratischen Princips, so war es die auswärtige, die Bekehrungssucht und Verfolgung Andersgläubiger nicht minder. Denn wie jedes seiner Bedeutung sich bewußte Ideal das bereits eroberte Gebiet sich zu erhalten strebt, so wohnt ihm auch die Tendenz nach immer größerer Ausbreitung inne, ringt es unerbittlich nach Verallgemeinerung. Auf Grund der mittelalterlichen Voraussetzungen mußte ein Religionskrieg, oder eine Religionsverfolgung als Kulturkampf im eigentlichsten Sinne aufgefaßt werden, etwa wie wir den nordamerikanischen Sklavenkrieg betrachten (was freilich nicht ausschließt, daß häufig genug Bosheit, Brutalität und Eigennutz die wesentlichen Faktoren gewesen sein mochten) und ein Tasso konnte mit derselben andächtigen Begeisterung den ersten Kreuzzug verherrlichen, mit welcher ein Byron den Muth der griechischen Freiheitskämpfer entflammte, Rückert seine geharnischten Sonetten sang. — Warum verabscheut der gebildete Sohn des 19. Jahrhunderts jede Art von Unduldsamkeit, auch wenn er sonst dem einen oder andern Religionssystem des Mittelalters mit ganzer Seele angehört? Weil der Geist der Gegenwart über den Fanatismus aus dreierlei Gründen sein Verdammungs- und Verbannungsurtheil ausgesprochen hat. Erstens hat die Erfahrung gelehrt, daß Tugend und Gesittung von jedem religiösen Bekenntuiß unabhängig sind; daß jede Konfession fähig ist, ihre Bekenner zu edlen Menschen zu bilden und daß auch der Freigeist ein vortrefflicher Mensch und guter Bürger sein kann. Zum Tempel sittlicher Vollkommenheit führen der Pfade mancherlei und derjenige, der den seinigen für den einzigen hält, ist am ehesten in Gefahr, beit Weg zu verfehlen. — Die Erfahrung hat zweitens gezeigt, daß die Methode, Ueberzeugungen durch Gewaltmaßregeln zu bekämpfen, eine durchaus verfehlte ist; daß Ideen durch Druck und Verfolgung nur um so widerstandsfähiger und kräftiger werden, wie das Eisen, das unter den Hammerschlägen zu Stahl erhärtet und wie das Schießpulver, dessen Explosionskraft wächst, je niehr nian es zusammenpreßt. Der Geist lächelt der materiellen Waffen, die sich gegen ihn kehren und selbst