Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-01-01 · Heft 1 (1.1.1881) · p. Seite 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 1 (1.1.1881)
Date
1881-01-01
Page
Seite 28 (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2969669-2969670-2969672--0034-2970433
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

28 nach verschiedenen Richtungen ausgegangenen Ströme altklassischer und jüdischer Weisheit znsaminentrafen, und wo, unterstützt durch die Munificenz und Hochherzigkeit einzelner Großen, auf den jugendlichen Universitäten neben christlichen auch jüdische Lehrer dein Wissensdurst der Lernenden Befriedigung bieten durften. Bezeichnend für das rege geistige Leben der Inden in Italien ist die große Zahl jüdischer Druckereien, die vom Ende des fünfzehnten Jahrhunderts an in diesem Lande entstanden, bis die wachsende Macht der Jesuiten, Inquisition und Censur den frischen Odem des Geistes im Dampf der Scheiterhaufen erstickten. Freilich ist auch der Umstand nicht zu verschiveigen, daß den Griechen sich eine neue Heimath zu freundlichem Schutze leichter eröffnete, als den heimathslos gewordenen Inden, die mit wenigen Ausnahmen — wo sic hiukamen, die Unbill religiösen Hasses, ja sogar die kleinliche Eifersucht eigener Glaubensgenossen zu überwinden hatten. Wie viele Tausende von ihnen nntergingen, wie viele hoffnungsreiche Keime erstorben, ist heute kaum zu ermessen; von den zahllosen Seenen des Elends und des Jammers ist nur der kleinste Theil der Nachwelt überliefert worden, und nur wenigen der gvttgetrenen Dulder kann der sammelnde Fleiß eines spätere» Geschlechts ein wohlverdientes Denkmal ini Gedächtnis; der Glaubensbrüder errichten. Dem Beispiele Ferdinand des Katholischen, auf dessen Befehl 1492 die Inden Spanien verlassen mußten, wenn sie nicht das Christenthum annehmen wollten, folgte ztvei Jahre darauf der König Johann von Portugal insofern, als er das „gottgefällige" Werk, die widerspenstigen Juden unter Androhung der Todesstrafe zur Taufe zu zivingen, ohne Schonung dnrchzusetzen suchte. Bei der Austreibung ans Spanien hatte Johann einer großen Zahl spanischer Inden gegen Zahlung einer hohen Summe einen zeitweiligen Aufenthalt im Lande Portugal gestattet; die über die festgesetzte Zeit im Lande Gebliebenen wurden als Sklaven verkauft, die Kinder von 2—10 Jahren ihren Eltern entrissen und nach den kurz vorher entdeckten St. Thomasinseln gebracht. Bald nachher verfiel Johann in eine schwere Krankheit, von der er sich nicht vollständig erholte. In einem Anfälle von Geistesstörung und ganz in den Händen fanatischer Priester beschloß hierauf Johann, alle Juden seines Reiches auszutreiben oder zur Annahme des Ehristenthums zu zivingen. Zn den angesehensten Inden Portugal's gehörte der greise Don Josef ans der alten und berühmten Familie Jachja, die ihre» Stammbanm bis in daS elfte Jahrhundert hinanfleitete und deren Ahnherr schon unter dem ersten Könige von Portugal eine hohe Stellung eingenommen haben soll. Don Josef war einer der ersten, der unter Zusicherung hoher Ehrenstellen voll Johann aufgefvrdert wurde, mit dem Beispiel voranzngehen und seinen Glauben abziischwören. Ter siebzigjährige Greis sah sofort, daß ihm nichts übrig bleibe, als die Flucht, schiffte sich heimlich mit seinen drei Söhnen David, Meir und Salomo ein und entging glücklich den zu seiner Berfolgung ausgesandtell Schiffen. Gezwungen, in einem spanischen Hafen einznlanfen, lvar er nahe daran, zum Feuertode vernrtbeilt zll lverden, weil nach dem strengen Gesetze des Königs Ferdinand kein Jude es lvagen durfte, den fpanifchen Boden zu betreten. Die Verwendung des Doil Alvarv aus dem Hanse Braganza, der ebenfalls vor Johann ans Portugal entflohen war, rettete ihn und verschaffte ihm die Erlanbniß, seine Reise fortznsetzen. Hier erst, in dem spanischen Hafen, fand es sich, daß die dreinndzwanzigjährige Frau eines der drei Söhne, des David, Namens Dina, sich ohne Wissen ihres Gatten in Manneskleidern auf das Schiff geschlichen ilnd die Reise mitgemacht hatte. Fünf Monate lang

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.