Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1881)
- Date
- 1881-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969670-2969672--0030-2970429- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
24 längerer Bekanntschaft sah Abulkasem ein, daß er an dem Juden nicht bloß einen geschickten Privatsekretär hatte, sondern entdeckte auch an ihm ein seltenes Verständniß für Menschen und Dinge und einen wahrhaft bewundernswerthen Scharfblick. „Alle Rathschläge, welche Samuel gab, waren der Art, daß man glauben konnte, das Wort Gottes aus ihm reden zu hören." Der Vesir befolgte sie daher stets und fand seinen Vortheil dabei. In seiner letzten Krankheit, als er sein Ende herannahen fühlte, sagte Abulkasem zu seinem Könige, der ihn besuchte und nicht wußte, wer ihm den treuen Diener, dessen Verlust bevorstand, ersetzen sollte: „In der letzten Zeit, Herr, habe ich dir niemals nach meinem eigenen Gutdünken gerathen, sondern immer nach dem Urtheil meines Schreibers, des Juden Samuel. Richte dein Auge auf ihn, laß ihn dir Vater und Berather sein, thue Alles, was er dir räth, und Gott wird dir Hülfe gewähren." Der König Chabbus folgte diesem Rathe; er berief Samuel in seinen Palast und nahm ihn als Geheimschreiber und Berather an. In keinem andern moslimischen Staate hat vielleicht je ein Jude förmlich und öffentlich unter dem Titel eines Vesirs und Kanzlers fungirt. Zwar haben die Juden oft eines gewissen Ansehens bei moslimischen und nichtmoslimischen Herrschern genossen und man übergab ihnen gewöhnlich gern die Leitung der Finanzen. Aber daß die moslimische Toleranz bis zur Duldung eines Juden als ersten Ministers ging, war nur in Granada möglich; dort waren die Juden so zahlreich, daß man es „die Stadt der Inden" nannte, und da sie reich und angesehen waren, so mischten sie sich nicht selten in Staatsangelegenheiten. Man kann sich die Beförderung Samuels auch noch auf eine andere Weise erklären. Der König von Granada konnte diesen wichtigen Posten weder einem Berbern, noch einem Araber anvertrauen. Man verlangte in dieser Zeit von einem Minister, daß er gut unterrichtet und im Stande sei, Briefe an andere Fürsten in gereimter Prosa und in sehr gewähltem Styl zu schreiben. Und grade auf Talente dieser Art hielt der König Chabbus. Selber ein Emporkömmling, bemühte er sich, das Ansehen von Vornehmheit zu erlangen; noch ein halber Barbar, gab er sich große Mühe, es nicht zu scheinen, um nicht gegen seine Nachbaren znrückzustehen. Woher sollte er aber einen solchen Minister finden? Seine Berbern verstanden sehr gut, sich zu schlagen, Städte einzunehmen, zu plündern und niederznbrcnnen, aber sie waren nicht im Stande, auch nur eine Zeile richtig in der Sprache des Koran zu schreiben. Auf die Araber, die mit innerer Scham und schlecht verhehlter Wuth sein Joch trugen, konnte er sich nicht verlassen; die hätten die erste Gelegenheit benutzt, ihn zu hintergehen und zu verrathen. Unter solchen Umständen mußte der Jude Samuel ein wahrer Schatz für ihn sein. Dieser war selbst nach dem Zeugniß der arabischen Gelehrten mit allen Feinheiten ihrer Sprache vertraut und machte sich, obgleich seiner eigenen Religion eifrig ergeben, sich dennoch kein Gewissen daraus, so oft er au Moslims schrieb, die religiösen Formeln anzuwenden, die bei ihnen gebräuchlich waren. So waren die Araber trotz ihrer Intoleranz und ihrer Vorurtheile gegen die Juden gezwungen eiuzugestehen, daß Samuel ein ganz hervorragendes Genie sei. Sein Wissen war in der That eben so mannigfaltig wie ausgebreitet. Er war Mathematiker, Astronom und Philosoph. Er beherrschte nicht weniger als sieben Sprachen. Dabei war er freigebig gegen die Dichter, wie überhaupt gegen die Gelehrten, und es ist daher nicht zu verwundern, daß Alle, welche er mit seinen Gunstbezeugungen überschüttete, seines Lobes voll waren. Der Dichter Monfatil richtete sogar folgende Verse an ihn,