Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1881)
- Date
- 1881-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969670-2969672--0023-2970422- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
17 woher es auch nur immer kommen mochte, als er im Allerheiligsten nach Schätzen suchte, auch einen goldenen Eselskopf gefunden haben. Ein anderer Bericht desselben Tacitus aber führt uns dieser Eselssage noch näher ans die Spur. Er berichtet: als Pompejus Jerusalem eroberte, drang er in den Tempel ein, um die Mysterien der jüdischen Religion kennen zu lernen, er fand jedoch keinerlei Bild in demselben, sondern nur einen goldenen Weinstock. Wenn wir nun noch bedenken, daß im Griechischen oinoa Wein und onos Esel bedeuten, und daß ebenso im Chaldäischen ein Wort chamra zur Bezeichnung dieser beiden Begriffe gebraucht wird, so wird es klar, wie aus dem goldenen Weinstock ein goldener Eselskopf geworden ist, und woher die Lüge stammt, die Juden verehrten in ihrem Tempel einen Esel, was wohl geeignet gewesen wäre, das Judenthum dem Hohne und der Verachtung preiszugeben. Aber Antiochus Epiphanes scheint im Tempel zu Jerusalem wenig Geld entdeckt zu haben, dafür aber neben dem Esel einen gemästeten Griechen, der für die Juden zum Opferschmaus ausersehen war. Diese Fabel, dargestellt mit tragischem Effect und mit abscheulicher Unverschämtheit, ist die Quelle der in unkultivirten Ländern,von Zeit zu Zeit auftauchenden Lüge, die Juden hätten Christenblut nöthig. Die Christen Hütten am allerwenigsten Ursache gehabt, dieses Mährchcn weiter zu tragen, da sie selbst in vergangenen Tagen unter dieser lügenhaften Beschuldigung viel und sehr zu leiden hatten. Diese Fabel vom gemästeten Griechen ist aber durchaus nicht semitisch, sondern indogermanisch, und wurde nur auf Juden und Christen boshaft übertragen. Oberasiatische Völker, Perser, Saken, Jndoskythen, Armenier, Lydier feierten, wie I. G. Müller nachweist, der Göttin Anaitis zu Ehren das Fest der Sakäen. Dieses bestand darin, daß ein Gefangener auf den Thron erhoben und fünf Tage lang als König behandelt wurde, während welcher Zeit er so üppig leben durfte, wie er nur wollte. Zuletzt wurde er geopfert und verspeist. Das Volk der Tupinambos in Brasilien Pflegte einen Gefangenen zu mästen und dann zu verzehren. Diese Reste der Anthropophagie und Menschenopfer, wollte mau, — welche Albernheit! — auf das Judenthum übertragen. Man sieht, es ist nicht erst unserer Zeit Vorbehalten geblieben, Verleumdungen und Lügen gegen das Judenthum auszusprechen. Apione hat es immer gegeben, aber die Wissenschaft hat mit ihren wuchtigen Schlägen die Lügner entlarvt, gebrandmarkt, und der Verachtung aller Zeiten preisgegeben. Der Ruhm einer Unsterblichkeit, wie er Apion zu Theil wurde, wir gönnen ihn den Feinden des Judenthums ganz und gerne. 2