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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1881-01-01 · Heft 1 (1.1.1881) · p. Seite 11

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
1 (1881)
Issue
Heft 1 (1.1.1881)
Date
1881-01-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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11 Wahrheit wurde der alte Satz: „Ausbreiten wird der Herr den Japhet und er wird wohnen in den Zelten Sems." In Palästina und ganz besonders in seinen« geistigen Mittelpunkte Jerusalem herrschten in den Tagen des Josephus gerade nicht die erquicklichsten politisch-religiösen Zustände und der innere Verfall rvird wohl wie bei jedem Volke wohl a««ch hier zuerst und zuoberst die Schuld daran getragen haben, daß es dem Feinde leicht wurde, die Oberhand zu gewinnen. Die Friedensparthei, die von jedem Kampfe gegen Rom abmahnte und zu der ganz besonders Josephus gehörte, «var machtlos und die Zeloten und Sicarier, letztere so benannt nach dem lateinischen Sii-a. «veil sie unter ihren Gewändern versteckt Dolche trugen, um ihre politischen Gegner aus dem Wege räumen zu können, hatten die Oberhand und beherrschten das Volk. Was dei« Geist des Jndenthnms anlangt, so haben die Pharisäer so viel Zäune, Mauern und Umwallungen um den Garten des Jndenthnms gelegt, daß man ihn gar nicht mehr sehen und an seinem schönen Wachsthum sich nicht mehr erfreuen konnte. Zn den im Pentateuche niedergelegten Gesetzen «ind zu dessen üblichen Auslegungen, zu der ans glühender Begeisterung und tiefer Weisheit stammenden prophetischen und hagiographischcn Literatur, fügten sie noch eine mündliche Lehre hinzu, die sie, um ihren Anslegniigen Autorität m«d bindende Kraft zu verschaffen, ans Gott selbst znrückführten. Josephus sagt von ihnen, sie hätten dem Volke viele Gesetze aufgebürdet, und in der That, sie hingen oft an einzelne Schriftworte ganze Gesetzesberge. Der pharisäische Gesetzesfanatismns erzeugte auch viele Henchlertypen, die besonders in der Hauptstadt Jerusalem sehr hervorgetreten sein mochten, denn selbst der Talinud spricht von pharisäischen Schleichern, Kopfhängern und Augenverdrehern. Jedoch kann andererseits nicht verkannt werden, daß die Pharisäer zuerst, unbelvußt, um den Zusammenhang zwischen Lehre und Leben zu erhalten, das biblische Gesetz durch stets erneute Auslegung nach Zeit und Verhältnisse«« abänderten unb oft geradezu aufhoben. Wir verdanken dieser Richtung - den Talmud, ein Werk, unschätzbar in seinem Wertste, «venu «vir es vom wissenschaftlichen Standpunkte aus betrachten, «venu «vir ihm seine religionsgeschichtliche Bedeutung, nicht aber absolute religivnsgesetzliche Geltung zuerkennen. Die talmudische Literatur umfaßt das jüdische Leben von mehr als acht Jahrhunderten mit allen seinen Ausziveigungen nach fernen Ländern und Völkern, in ihr liegt die Geistesarbeit von dreißig Generationen vor uns. Der Talmud ist ein wundervolles Gedankenarchiv und ge«vöhntich haben die über ihn am iiieisten geschimpft nnd gespottet, die «vegen seiner Eigenartigkeit keine Zeile in ihm zu lesen in« Stande «varen. Der Talmud ist die Geistesluft des neuen Testamentes nnd für das Verständniß der Entstehnng des Christenthnms eine unentbehrliche Geschichtsquelle. Das Ehristenthnni kann sich, so lange es ein solches bleiben will, vom Semitismus nie und nimmer historisch ganz loslösen. Einen Protest gegen den Pharisäismus bildete der Saddueüismus, dessen Anhänger nur dein Pentateuche nnd nicht allen Auslegungen bindende Gesetzeskraft zuerkennen wollten. Sie unterschieden sich auch sonst noch von den Pharisäern dadurch, daß sie die leibliche Auferstehung der Todten leugneten und an Lohn und Strafe n a ch dem Leben nicht glaubten. In ihrer Polemik gegen die Pharisäer bedienten sie sich bei deren oft zu weit gehender Sernpulositüt gerne auch der Waffen der Ironie.

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