Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1881)
- Date
- 1881-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 und so in sein innerstes Gedankengetriebe Einsicht p nehmen im Stande waren? Ist vielleicht Josephns in seiner Haltung nicht eher zu vergleichen mit dem Propheten von Anatoth, seinem Vorgänger, und bent Weisen von Jamnia, seinem Zeitgenossen, die Beide auch im friedlichen Anschlüsse an den übermächtigen Feind und nicht in der Bekämpfung desselben das Heil ihres Volkes erblickten und nur darauf bedacht >varen, die geistigen Schätze, den innersten Lebenspunkt der Nation, zu retten, wodurch deren Fortbestand für alle Zukunft sollte gesichert bleiben? Wenn wir der Person des Josephns, seiner Zeit und seinen Schriften näher treten, dann sehen wir, wie er, auf der Höhe des Jndenthums und der Wissenschaft zugleich stehend, den Kampf führte gegen griechische und römische Schriftsteller, die ihre Federn in Haß und Gift getaucht haben, um das Judenthum in den Augen der Völker der Verachtung preis zu geben. Josephns wurde im Jahre 37 n. Ehr. zu Jerusalem geboren. Sein Vater Matthias war von priesterlichem Geschlecht«.' und seine Mutter zählte zu ihren Ahnen die Maecabäer, aus deren Mitte Männer hervorgegangen waren, die das Schwert Israels führten und auf deren Häuptern die Kronen des Königs- und Hohenpriefterthnms strahlten. Josephns war so durch Familientraditionen von priesterlich-aristocratischem Bewußtsein erfüllt und hatte zudem das Glück, von seiner Kindheit bis zu seinem Tode unter günstigen materiellen Verhältnissen zu leben, die es ihm wohl ermöglichten, unabhängig und ungestört seinem Streben nach Erkenntniß und seinem Drange nach Wissen folgen zu können. Er scheint schon frühzeitig in sich den Beruf gefühlt zu haben, einst der Geschichtsschreiber seines Volkes zu werde». Er schöpfte daher Wissen und Belehrung aus allen ihm nur zugänglichen Quellen. Jndeß sollte seine reiche Gelehrsamkeit auch auf dem Gebiete des realen Lebens seiner Nation zu Gute kommen. Den Juden, welche damals nicht nur in Palästina, wo der Druck der römischen Landpfleger schwer auf ihnen lastete und wodurch sie erbitterte Gegner Roms geworden waren, sondern auch in Kleinasicn, Aegypten, Nordafrica, Griechenland, Italien, Spanien, Gallien und Germanien lebten, wurde nämlich das, was sie lange unbestritten besessen hatten, streitig gemacht. Ihre Gleichstellung und Gleichberechtigung mit den übrigen Mitbewohnern wurde mit einem Male in Disenssion gezogen und in Frage gestellt. Während die Juden in Palästina zumeist sich dem Ackerbau und dem Handtverke widmeten, hatten die im Auslande Weilenden mit großem Erfolge Handel getrieben, und ihr Fleiß und ihre Ansdauer, ihre Gewandheit und Tüchtigkeit, ihre Nüchternheit und Mäßigkeit hatten ihnen behagliche und einflußreiche Lebensstellungen verschafft, die das nimmer rastende Auge des Neides auf sie lenkten. Der erkünstelte Racen- und Religivnshaß, der in den Tagen des Syrerkönigs Antiochus Epiphanes in sein erstes Stadium getreten war, fand in Rom jetzt offene und geheime Anhänger und wurde in Alexandrien das erste Mal literarisch zurecht gemacht. Seit den Tagen Alexanders des Großen haben die Inden durch ihre Tüchtigkeit großes Vertrauen genossen, mehr noch als die leichtsinnigen Griechen, und waren besonders unter den Ptolemäern und den ersten römischen Kaisern zu großer Macht und zu hohem Ansehen gelangt. Die griechische Bevölkerung von Alexandrien, einer Stadt, die durch das geistige Leben, das dort pnlsirte und an dem die Inden den regsten und thätigsten Antheil nahinen, Athen selbst in den Schatten stellte, ivollte die Betriebsamkeit und den Wohlstand der jüdischen Mitbürger durchaus nicht ruhig mit ansehen,