Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1881)
- Date
- 1881-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Religionsauffassungen bestehen, es gehört dies zu den sittlichen Mitteln, durch welche eine Activität und eine Stimulirung zum Fortschreiten, eine geistige Reibung unter den Menschen erzielt und Stagnanz vermieden wird, kurz es bildet diese Religionsverschiedenheit eine Vorbedingung zur menschlichen Fortentwickelung. Achte man deshalb diejenige Auffassung, welche ihre Bekenner zu einem richtigen socialen Verhalten, zu einer Erfüllung aller Pflichten gegen den Staat und die Gesellschaft inspirirt. Und dies thut die jüdische Religion in höchstem Grade. Also wegen ihrer Religion, kann man die Juden nicht als Fremde betrachten und sich von ihnen absondern. Ebenso nicht wegen ihrer persönlichen Eigenschaften und wegen ihrer bürgerlichen Thätigkeit. Der Jude ist ein guter treuer Staatsbürger, der alle seine Wichten auf das Beste erfüllt, er hat ein reines inniges Familienleben, ist nüchtern und arbeitsam. Wenn die Juden vorzugsweise Handel treiben, so ist dies eine Folge der Jahrhunderte langen Mißhandlung der Juden, denen Erwerb von Grundbesitz, Betrieb von Handwerken, kurz Alles verboten war, aber es ist kein Nachtheil fiir das Land, in welchem sie wohnen, denn der Handel ist auch nöthig und productiv, und kommt es nur darauf an, daß er rechtlich betrieben wird. Man wird jedoch den jüdischen Kaufleuten keine besondere Unredlichkeit vorwerfen können. Ihrem Eifer, ihrer Thätigkeit, ihrer Intelligenz und Sparsanikeit haben sie meistens ihr Emporkommen zu verdanken, darum thut mau sehr Unrecht, wenn man aus Neid und Wider- . willen gegen sie aufhetzt. Nicht alle Juden sind Crösusse. Gar vielen geht es recht schlecht und haben dieselben von dem großen Vermögen, welche ihre Glaubensgenossen sich erworben, nicht den geringsten Genuß. Trotzdem nimmt man Besitzthnmer und Handlungen Einzelner zum Anlasse von Hetzereien gegen Alle. Man gewöhne sich doch die Juden zu individualisireu und sie nicht immer als Ganzes zu behandeln. Das verlangt doch Recht und Billigkeit. Hierin sitzt die Hauptwurzel des Unrechtes gegen die Juden. Und nun noch ein Wort an die Juden. Mögen sie sich doch auf die erhabenen ethischen Ideen ihrer Religion ernstlich besinnen und zu den positiven Grundlagen derselben, wie sie in den prophetischen Schriften sich darstellen, zurückkehren, nicht die Form über den Geist stellen und nicht Satzungen und Bräuche, die jedes inneren Gehaltes entbehren und in.unserer Zeit völlig sinnlos und gegenstandslos geworden sind, init dem Wesen des Judenthums verwechseln oder gar an seine Stelle setzen. Formen ohne Inhalt sind geradezu schädlich, denn sie ersticken das geistige Leben innerhalb der Religion, sie entstellen und verunstalten ihr Wesen und isoliren den Bekenner derselben aus nichtigen Gründen. Vorschriften, welche localen und temporären Ursprungs und Zweckes waren, müssen sich mit der Zeit überleben und sie aufrecht zu erhalten, nachdem sie nach innen ihre geistige Bedeutung verloren haben und nur nochals Scheidewände dastehen, die das Judenthum nach Außen hin abschließen, wäre ebenso verkehrt als unberechtigt. Solche können nicht nur ohne Schaden für das Judenthum aufgegeben werden, sondern es wird dadurch auch ans seinem Gebiete reiner Boden für eine gedeihliche Fortentwicklung geschaffen. Der Separatismus liegt nicht in dem Wesen des Judenthums und wenn die Bekenner desselben den innigen Anschluß an die andern Landesbewohner, mit denen sie ein Volk, ein Ganzes bilden, anstrebeu, so werden sie durch ihre Religion am wenigsten daran gehindert. Thue man ans jüdischer Seite seine Schuldigkeit. Nach und nach werden die gegenseitigen Beziehungen sich schon inniger gestalten.