Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 1 (1881)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1881)
- Date
- 1881-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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ebenso bei den Christen wie den Juden das klare Bewußtsein ihrer gegenseitigen Pflichten gefördert und ans beiden Seiten eine lebendige Pflichterfüllung ermöglicht wird. Vor Allein lasse man es doch bleiben, die Juden als Fremde in Deutschland hinzustellen. Denn daraus resultirt das ganze Unheil der antisemitischen Bewegung. Die deutschen Juden sind und wollen nichts anderes sein, als volle und ganze Mitglieder der deutschen Nation, erfüllen gerne und freudig alle damit verbundenen Pflichten und hängen mit allen Fasern an dem Lande, in dein sie geboren und erzogen sind, in dem die theneren Erinnerungen ihrer Jugend, ihrer ganzen Entwickelung wurzeln. Warum will inan denn den deutschen Juden das Vaterland rauben? Weil ihre Voreltern vor 2000 Jahren in Asien gewohnt haben? Das ist kein Grund. Heute sind die deutschen Inden gerade so Deutsche wie die übrigen Mitglieder der deutschen Nation auch. Da wären ja die Wenden und Witzen, die Obotriten und die Preußen und wie sie alle sonst heißen, die slavischen, die celtischen und gallischen Stämme, welche überall in Deutschland wohnen, auch keine Deutschen, da sie ja auch nicht germanischen Stammes sind. Alle Culturnationcn sind heute Mischvölker, und diejenigen, welche es am meisten sind, sind gerade die tüchtigsten. Das sieht man an den Deutschen, die gar vieles fremde Blut sich zugesellt haben, an den Franzosen, an den Engländern, den Schweizern und Belgiern und in der Neuzeit am markantesten an den Amerikanern. Die reinen Raeevölker sind kulturell gerade die unbedeutenden: wo keine Kreuzung des Blutes, da wurde auch für die Culturleistungen wenig Bedeutendes hervorgebracht. Das sieht man an den Serben, den Wallachen, den Albanesen und den Völkerstämmen des heutigen Asiens und Afrikas. Gerade durch das Territorialprinzip zeichnen sich die Cnlturvölker aus: daß sie alle diejenigen, welche innerhalb ihres heimischen Bodens geboren, erzogen, herangewachscn sind, als Einheimische, als zugehörige Glieder betrachten, das finden solche entwickelte Völker als selbstverständliche Consequenz ihres fortgeschrittenen Machtverhältnisses. Nur rohe, unentwickelte Völker verharren bei dem Personalprineipe, nach welchem die. Stammesangehörigkeit Vorbedingung für die bürgerliche Vollberechtigung ist. Wie kann man nun um Himmels willen die Juden, die seit langen Jahrhunderten in Deutschland heimisch sind, als Fremde betrachten?*) Etwa wegen ihrer Religion? Diese bildet keine Vorbedingung mehr für das Jndigcnat, es giebt keine Staatsreligion bei uns und ist nach unserer Reichsverfassung die staatsbürgerliche Bollberechtigung von dem religiösen Bekenntnisse unabhängig. Auch eine Consequenz der fortgeschrittenen, veredelten Entwickelung unseres Staates! Für die irdische Wohlfahrt seiner Unterthanen will dieser sorgen, die Sorge für die dereinstige himmlische überläßt er den Unterthanen und garantirt er diesen blos, daß sie unbehindert und ungestört dieser Sorge Gewährung verschaffen können. Uebrigens hat der Staat an der Ausübung der Religion das höchste Interesse insofern, als die Unterthanen durch dieselbe zur Erfüllung ihrer irdischen Pflichten angesporm und tauglicher werden müssen. Die jüdische Religion erfüllt diesen Zweck auf das Reinste und kann man keine Glaubensauffassung auf monotheistischer Grundlage eonstruiren, die edlere und bessere Triebe in den Menschen pflanzt und deßhalb staatlich nnd social Besseres zu Daß die Juden überhaupt an dem angeborenen Boden hängen, folgt daraus, daß sie in den Ländern, in welchen sie es gar schlecht haben, doch wohnen bleiben; z. B. Rußland, wo fast ein Drittel aller Juden wohnt. Warum ziehen diese nicht in bessere Länder?