Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1868-1869)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1869)
- Date
- 1869-07-01
- Page
- – (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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318 Angela. hatte jetzt keinen Much zum Spielen. Mein Vater hatte seine baldige Ankunft gemeldet, er konnte in den nächsten Tagen, konnte vielleicht schon heute eintreffen — sollte ich's hoffen? — sollte ich's fürchten? Zitternd vor Aufregung und vor innerm Frost saß ich da. Beim Lärmen der andern Kinder hatte ich nicht gehört, daß ein Wagen vor dem Hause gchalten, auch das Oeffnen der Thüre nicht wahrgevommen, bis das plötzliche Verstummen der Andern meine Aufmerksamkeit erregte. Ich blickte auf; der Hausherr war in's Zimmer getreten, begleitet von einem fremden Herrn, deffen suchender Blick die Sinder musterte. Eine seltsame Erscheinung bot dieser Fremde; eine hohe schlanke Gestalt mit einnehmenden aber scharf ««Arten Zügen; er schien kaum ein Vierziger und doch erglänzte das volle lockige Haar, das sein wettergebräuntes Antlitz umrahmte, in Hellem Silberschein, während aus den dunkeln lebhaften Augen die ganze Energie seiner Manneskraft sprach. Wer mochte er fein? — Der Knabe vermochte kein Auge von ihm zu wenden, während das Herz chm pochte, als wollte es zerspringen. — In dem Dämmerlichte, das bereits im Zimmer herrschte, hatten die Herren in «einem dunkeln Winkel mich nicht bemerkt. ״Wo ist denn Leo?" wandte sich der Doktor fragend an eines der Kinder. ״Dort, dort!" riefen die Kleinen. — Mit angehaltenrm Athem, mit weitgeöffneten Augen ttat ich bebend hervor. ״Da ist ja Ihr holder Kleiner", sprach der Doktor mit süßem Lächeln. ״Nun, Leo, kennst Du denn Deinen Vater nicht?" Mit lautem Jubelschrei stürzte ich in die Arme meines Vaters, der mich aufhob als wäre der elfjährige Knabe ein ganz kleines Kind und mich fest an den wogenden Busen preßte. — Es war ein erschütterndes Wiedersehn zwischen Vater und Kind, die einan« der nicht mehr kannten. — Laut schluchzend hing ich an des Vaters HalS, alles Fürchten war vergeffen, ich überließ mich ganz dem beseligenden Bewußtsein, an des Vaters Brust zu ruhen. Dieser hielt «ich noch immer fest in seinen Armen, in seinen männlichen Zügen zuckte es. Freude und schmerzvolle Erinnerung kämpften in dem vielgeprüften Herzen. — Der sechsunddreißigjährige Mann mit den weißen Haaren hatte viel, unendlich viel gelitten; seit fast sechs Jahre» hatte er seinen einzigen Sohn nicht gesehen, war er bcpän-