Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1868-1869)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1869)
- Date
- 1869-07-01
- Page
- – (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2932754-2933206-2933211--11561-2969060- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Schicksale de? Talmuds im Mittelalter. 303 hat man Hn verbannt, eingekerkert und verbrannt. Von Jnstinian, der ihn wahrscheinlich schon 053 v. CH. mit einer besonderen NoveUa beehrte, bis auf Clemens VIII. herab, und noch spater — ein Zeitraum von über tausend Jahren — haben weltliche wie geistliche Mächte, Könige und Kaiser, Päpste und Gegenpäpste in Bannflächen, Bullen und Edikten, in Confiscations- und Verbrennungsbetreten gegen dieses unglückselige Buch mit einander gewetteifert. §o wurde es innerhalb eines Zeitraums von weniger als fünfzig Zähren — und zwar in denen, welche die letzte Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts bilden — nicht weniger als sechs verschiedene Male öffentlich verbrannt, Und nicht etwa in einzelnen Exemplaren, sondern im Großen und Ganzen, fuhrenweise. Julius III. erließ sein Manifest gegen das, was er possierlich genug das ״Gemaroth Talmud" nennt, in den Jahren 1553 und 1555, Paul IV. 1559, Pius V. 1565, Clemens YIII. 1592 und 1599. Selbst Pius IV., indem er die Erlaubniß zu einer neuen Auflage ertheilte, machte es zur ausdrücklichen Bedingung, daß sie ohne den Namen Talmud erscheine. -Si tarnen prodierit sine nomine Thalmud tolereri deberet.“ Ja es scheint zu einer Art von Schibvoleth geworden zu sein, mit welchem jeder neue Herrscher die Strenge seines Glaubens zu beweisen hatte. Und sehr streng muß dieser Glaube gewesen sein, nach der Sprache zu urtbeilen, welche selbst die böchsten Würdenträger der Kirche in Bezug darauf zu führen nicht verschmähten. So schreibt Honorius IV. im Jahre 1286 an den Erzbischof von Can« terbury in Betreff dieses ״verdammungswerthen Buches" (lider damnabilis), und warnt ihn ernstlich und verlangt ״vehementer" von ihm, darauf zu sehen, daß es von Niemandem gelesen werde, da ,alle anderen Uebel daraus flößen". Wahrlich, sie bilden eine traurige Lektüre, diese Urkunden! — Jezuweilen nur stiehlt sich ein unwillkürliches Lächeln auf des Lesers Lippen, wenn eine mehr als gewohnlich kraffe Albernheit den ganzen großen Abgrund feindlicher Ünkenntniß auf Momente blitzhell erleuchtet. Einer bemerkenswerthen Ausnahme in diesem Babel von Manifesten erinnern wir uns jedoch. Clemens V., im Begriff ein neue- Lerdammungsdekret zu erlaffen, wünscht zum Mindesten etwas von dem Buche zu vissen, das er zu verdammen im Begriff stand.