Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1868-1869)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1869)
- Date
- 1869-07-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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\ 302 Schicksale des Talmuds im Mittelalter. die Alpen geschmachtet, und doch das glänzendste und treueste Gemälde jener Bergwelt hinterlassen, so ahnte jener mit des Poeten göttlichem Instinkt die Wahrheit aus wahren und selbst falschen Mittbeilungen heraus. Wohl aber möchten wir die Frage stellen, wie viele jener allerwärts zerstreuten gelehrten Citate wirklich den talmudischen Quellen selber entfließen? Allzuoft leider und allzu handgreiflich sind es eben — um uns Simson's landwirthschaftlichen Gleichniffes zu bedienen — jene langverjährten und abgearbeiteten Kälber, die ״Tela ignea Satanae“, die ״Abgezogenen Schlangenbälger" und all ihr giftiges Gelichter, die auf's Neue von manchem unserer Gelehrten an den Pflug geschleppt werden. ״Unserer Gelehrten" sagen wir, denn was das Publikum im Allgemeinen betrifft, f<* zweifeln wir keinen Augenblick daran, daß, wie oft auch das Wort in diesen Tagen genannt werde, es doch keine geringe Zahl von Leuten giebt, die noch immer der Ansicht jenes gelehrten Kapuziners, Henricus Seynensis, leben: — der Talmud sei nicht ein Buch, sondern ein Mann. ״XJt narrat Rabbinus Talmud״ ״Wie der Rabbiner Talmud erzählt" ruft er aus, und bekräftigt solchergestalt triumpbirend sein Argument! Aber gehen selbst unter denen, die da wiffen, daß wir es mit einem Buche und nicht mit einem Manne zu thun haben, nicht die allerabentenerlichsten Begriffe über das Werk um? Wer hat es geschrieben? Was ist sein Inhalt? Sein Umfang? Was ist die Zeit, der Ort seiner Abfaffung? Vor nicht langem erst nannte es eines unserer bedeutendsten Organe ״eine Sphinx, auf die sich Aller Augen in dieser unserer Zeit richteten, die. einen mit gespannter Neugier, die andern mit unklarer Aengstlichkeit." Warum in aller Welt aber brechen wir dieser Sphinx die Lippen nicht auf? Wie lange noch sollen wir dazu verdammt sein von Citaten zu leben? Citate Tausendmal gebraucht, Tausendmal gemißbraucht?" Wohl mag der Talmud das alte ״Rabont sua fata libelli“ durch die Worte ergänzen: ״Selbst die heiligen Rollen in der Bundeslade". Wir wundern uns in der That kaum darüber, daß der obenerwähnte gute Kapuziner ihn für einen Menschen gehalten. Seitdem er rMirt, ja fast noch ehe er in faßbarer Gestalt existirte, ist er so ziemlich wie ein menschliches Wesen behandelt worden. Hundertmal