Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1868-1869)
- Issue
- Heft 3 (April 1869)
- Date
- 1869-04-01
- Page
- – (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2933206-2933210--11476-2968974- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bon Dr. ׳©־atme! A. Hirsch. 219 Der Verfasser ist offenbar ein Optimist; nicht eine der agirenden Figuren hat einen schlechten Charakter; es find lauter brave 8-ute, mir welche« wir bei der Lektüre verkehren. Sünden werden allerdings begangen, Charakterschwäche ist in genügendem Maaßr -ei einigen Mitgliedern unserer Gesellschaft vorhanden, aber bei keinem von Allen Charakterlosigkeit. Zum Freveln werden sie nur durch äußere Ginstüffe, auch durch mächtige Leidenschaften gebracht; aber bei keinem von unfern Frevlern verzweifeln wir an RückkHr u»d Buße; sie sind nur verfuhrt, sie waren schwach, aber bei aller Schwäche bleiben sie liebenswürdig; sogar für den «nliebenswSrdlgsteu von Allen, für den Herrn Geheimerath Ne«manrr weiß uns der Verfasser Mitleid und innige Theilnahme abzuzwingen. Schwäche läßt uns vÄe Vergehen, wenn auch nicht billigen, doch, -jedenfalls verzeihen; nur aus Schwäche sind unsere lieber Freunde im Buche nicht lauter Engel; auch unser überaus sentimentaler Briefschreider besitzt von diesem Arcanum, welches die tragische Person, den lieben Sünder macht, eine nicht unverächtliche DofiS. Dagegen vermögen wir nicht einzusehen, warum auch der Rabbi am Ende des Buches von dieser epidemischen Schwäche in einem Grade befallen werden muß, welche die ganze Illusion beinahe zerstört. Der Rabbi tritt in der ganzen Erzählung auf als ein Typus der männlichen Kraft. Mit welcher Zärtlichkeit hängt er an. seine« Kindern, an seinem Sohn Benjamin, an seiner Tochter Rachel; einen zärtlicheren Vater kann man sich kaum denken; aber seine Charakterstärke siezt über diese Liebe, zerstört sie nicht, aber bändigt sie. Sein ältester Sohn war abgefallen von dem Glauben seiner Väter; die Mutter war von diesem Schlage zu Tode getroffen; ihm, dem Vater, die Lebensfreude auf immer vergällt. Hatte er ihn doch selbst erzogen, diesen Abtrünnigen; hatte ihn in der Thora unterrichtet, zur Ausübung der Gebote immer angehalten; er wollte ihn erziehen als einen Sohn seines Geistes; er wollte ihn bereichern mit der Weisheit, die er ans den Büchern der Väter geschöpft, mit den Kenntniffen, welche er aus den Werken so vieler Völker geschöpft; und diese Weisheit, diese Kenntnisse sollten alle dem Gotte seiner Väter dienstbar gemacht werden, nur als Jude sollte er sie verwerthen, und sein Wissen sollte in harmonischem Zusammenhänge strhen mit seinem Handeln; im Leben wie im Denken sollte er ein