Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1868-1869)
- Issue
- Heft 3 (April 1869)
- Date
- 1869-04-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2933206-2933210--11475-2968973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
218 Jüdische Famllienp aprere rc. rrn Bruders, der mit mir auftvuchs? Er hatte nicht Dein sanftes Erficht, er war wild und voller Unruhe. Früh ging er auf's Land und handelte, während ich im Bethhamidrasch saß und studirte. Dann nahm er ein Weib und wanderte aus, er wollte über die See nach Amerika. Das sind jetzt dreißig lange Jahre.... Aber ich plaudere und bedenke nicht, daß Du die Nacht gereist bist. Du bist müde und sollst ausruhen. — Ich bin es nicht, Onkel, erwiderte ich, laß uns beisammen bleiben , wenn Deine Geschäfte es erlauben. — Wenn meine Geschäfte es erlauben! Wie sprichst Du mit Deinem Onkel! Sollte ich nicht Zeit haben für den Sohn meines Rüben? Meinst Du nicht, daß ich begierig bin zu hören, wie es Dir ergangen ist, Du einziger Erbe feines Namens, Md z» hören, was Du weißt von Deinem Vater und Deiner Mutter? Ich war betroffen. Wie oft hatte ich mir im Voraus diese Umstande dargestellt, über die möglichen Fragen nachgedacht und die paffenden Antworten vorbereitet! Meine Klugheit ließ Wich im Stich und das Schamgefühl meiner lügenhaften Lage jagte mir das Blut heiß in die Schläfen." Diese Schamröthe ist allerdings ein ehrendes Zeugniß für den Mann, aber an seiner Befähigung zum Judenbekehrer wecken unsere Leser hier sofort verzweifeln. Der Jüngling hatte sich als Jude in das Haus seines Onkels xingesührt, er wird Mitglied der Familie; er lernt seine liebenswürdige Cousine Rachel, seinen leichtfinnigen Vetter Benjamin kennen. Der älteste Sohn des Rabbi, der jetzige Geheimerath Neumann bleibt ihm vorläufig unbekannt; dieser hatte die väterliche Religion verlaffen und war deßhalb aus dem Vaterhause verstoßen worden. Der Missionär sängt seine Bekehrungsversuche bei seinem Oheim an, aber anstatt daß der Nareiß in eine Blume verwandelt wird, wird die Blume in einen Narciß verwandelt. Bei jeder Unterredung wird der neue Glaube unseres Missionärs schwankender. Er klagt seinem Pflegevater in Briefen seine Noth; dieser ermahnH ihn auszuharren, aber fruchtlos. Der Missionär wird ein so guter Jude wie sein Oheim; und wir freuen uns unserem Leser anzeigen zu können, daß er zuletzt seine reizende Cousine Rachel als sein Weib hcimführt. So sehr rasch war dies nun freilich nicht gegangen; vorher entsteht natürlich eine Berwickelnag und wird ein Knoten gelöst; es wird gesündigt und bereut.