Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1868-1869)
- Issue
- Heft 3 (April 1869)
- Date
- 1869-04-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Dr. Samuel A. Hirsch. 217 Kindesstatt annahm. Er erzog den Knaben und glaubte ohne Werirres dereinst des Himmelreiches theilhaftig zu werden, wenn er ihn nicht allein zu einem gläubigen Christ, sondern zu einem eifrigen Judenbekehrer ausbildete. Doch das jüdisch erzogene fünfjäbrige Kind hatte schon des Jüdischen genug in sein Inneres aufgenommen, um den Versuch äußerst schwierig zu machen. ״Ich hatte," schreibt der schließlich doch christliche Jüngling seinem Wohttbäter, ״als Kind sonderbare Empfindungen, die ich beute nicht mehr ver» stehe. So konnte ich Dich recht bemitleiden, :nein Vater, wenn Du mir ernst ins Auge blickend die Lehren des Heils verkündetest. Oder bemitleidete ich mich selbst? Ich weiß, daß mein Her; voll war von zärtlichem Erbarmen, wenn Du beredt und eindringlich zu mir sprachst, warum soll ich cs nicht sagen, was der Knabe wie ein Verbrecher vor Dir, was er vor sich selbst geheim gehalten Härte — denn falsche Scham kenne ich nicht niehr — Deine Worte drangen in mein Ohr und nicht weiter, Du redetest meine Mutrerspräche, mir hätte Chinesisch nicht fremder klingen können." Nach vollendetem Studium sollte nun der Jüngling feinen ersten Versuch machen, und die Jagd auf den Bruder seines Vaters, einen frommen Rabbi in Deutschland, eröffnen. Vorher war diesem die baldige Ankunft des Neffen, von dessen Vater der Rabbi nun seit dreißig Jahren nichts vernommen batte, angezeigt. Nun erschien der Jüngling selbst und ward mit der wärinsteu Liebe ausgenommen. ״Der Rabbi war hereingetreten," schildert uns der Missionär seinen Empfang, ״ein Mann mittlerer Größe, in langem altmodischem Gewand, ein Sammetkäppchen aus dem Kopf. Ein dunkles, fast melancholisches Gesicht mit ruhigen, sanften Augen; ein grauer, bis auf die Brust herabhängenber Bart, durchaus passend zu der Würde der ganzen Erscheinung. — Ich stand Verl ׳gen und wußte nicht, wie ich meinen Onkel begrüßen sollte. Er ging langsam aus mich zu, faßte mich bei der Hand und küßte mich aus beide Wangen. Gesegnet sei. der da kommt, sagte er, willkommen, Samuel, innn Sohn. — Er hielt mich lange i־ seinen Armen; als er mich losließ, sah ich Thranen in seinen Augen. — Ich war gerübri, solche Innigkeit hatte ich nicht erwartet. — Onkel, sagte ich, also erinnerst Du Dich meines Vaters? — Er fab mich» vorwurfsvoll an. — Wie sollte ich nicht meines eigenen Blutes gedenken, meines jünge-