Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1868-1869)
- Issue
- Heft 3 (April 1869)
- Date
- 1869-04-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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202 V Aus den Memoiren eines Schames. ז kommen lasten, verstrichen waren und ihre Thränen nicht blos dem theuren Vater, sondern auch der hilflosen Lage ihrer Kinder floffen. ״Wärst du nur sieben Jahre älter, dann würdest du die Stelle ausfüllen können und ihr wäret Alle versorgt." Gott hatte ihn gehört, diesen Schrei des sorgerfüllten mütterlichen Herzens. Als die Gemeinde im Begriffe war, die Stelle neu zu besetzen, erschien ein Mann auf der Gemeindestube, der einem der ersten Geschäfte der Stadt als Geschäftsfübrer Vorstand und erklärte, ihn jammere die Lage der Familie des verstorbenen Gemeindedieners-und er beabsichtige das Amt desselben für den ältesten Sohn zu übernehmen und so lange treu und gewissenhaft alle Pflichten zu erfüllen big?«*ug, bic Stelle selbst zu bekleiden. Man stellte ihm vor, wie viel Mühen und wie wenig äußere Ehre der Posten mit sich bringe, man vergegkiwärtigte ihm die Unzuträglichkeiten, die ihm im Verkehre mit seinen Untergebenen im Geschäftspersonale erwachsen würden — umsonst, der wackere Mann blieb fest und sieben Jahre war er für mich Schames, erfüllte geduldig äÜe Funktionen eines solchen, nahm für mich auf Hochzeiten und bei sonstigen Gelegenheiten die herkömmlichen Gaben in Empfang, die der׳ jüdische Brauch dem Schames zufließen läßt. Welcher Muth, Welche Selbstvrrgeffenheit, welches Herz und welcher Edelsinn gehörte dazu alle die Lasten und Mähen zu tragen, die dem angesehenen Gemeindebürger doch gänzlich ungewohnt waren, über alle Borurtheile sich hinwegzuschen und den spottenden Bemerkungen feiner Verwandten, dem Naserümpfen seiner Freunde kühn die Stirne zu bieten. Und das nicht nur für einen Augenblick Vorüberrauschenher Begeisterung, für einen Moment aufwallender Herzensregung, sondern jahrelanger Prüfung! Wahrlich solche Menschen erzeugt nur das alte unverkürzt erfüllte göttliche Gesetz, solche Frucht reift nur am Baume des Lebens! Jetzt war ich achtzehn Jahre alt und sollte mein Amt selbst antreten. Mein Wohlthäter, der, um dem Dank meiner Mutter ansznweichen, uns fast nie besuchte, hatte mich heute abgeholt,׳ um mich zur Synagoge zu geleiten und auch meine Mutter schloß sich uns an. ״Erfülle dein Amt so brav und so treu wie dein heimgegangener Vater" waren die einzigen Worte, die mein Wohlthäter zu mir sprach, die Schlüssel der Synagoge in meine Hände legend,