Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1868-1869)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1868)
- Date
- 1868-10-01
- Page
- – (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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es Angela. tleid mi dem unglücklichen Weibe, ich hätte es al- Dtrbrechen betrachtet, daS für sie so theuere Kräftigungsmittel der Entkräfteten zu entziehen. Ich gab ihr also das Knöchelchen zurück, und hieß fic ruhig nach Hause gehen und die Tochter mit der Kraftbrühe laben. Aber da hätten gnädige Frau die Freude der Alten sehen sollen, sie küßte mir die Hand und lief ganz überselig heim, ich aber empfand die süßeste Befriedigung über meine Handlung. Doch offen gestehe ich Ihnen, hätte ich die Satzungen des Talmuds beobachten wollen, so wäre ich gezwungen gewesen, das Hühnchen, sammt der Suppe, sammt dem Topfe worin es gekocht, als unerlaubt zu erklären, nun bitte ich Sie, wie gefällt Ihnen das?" ״Darüber habe ich kein Urtheil, das verstehe ich nicht." ״Wie, Sie verstehen es nicht gnädige Frau! finden Sie es denn in der That nicht niederträchtig, nicht abscheulich der Armuth das Brod aus dem Munde zu nehmen?" ״Aber bester Herr Doktor," versetzte die Dame, wahrend ein eigenthümliches Lächeln ihren kleinen Mund umspielte, ״Sie find doch kein Anhänger des Talmuds, und doch geben Sie sich so viel Mühe, den armen Heller, der von dem Honorar seiner Lektionen lebt, seinen Nahrungszweig zu entziehen." ״Das ist etwas Anderes!" rief der Doktor, voll Verwirrung stark erröthend, ״für die liebe Armuth ziehe ich mich aus, gebe, mit Achtung zu sagen, m^in letztes Hemd für sie hin, aber mit einem Orthodoren darf man kein Mitleid haben, mag er verhungern, mag er ver—, tu Tas voulu George Dandin! Warum ist er Anhänger solch' finsterer Lehren, die alle Liberalität verhöhnen, der Humanität in's Gestch! schlagen, jeden Andersdenkenden verketzern. — Aber gnädige Krau, daß in Ihrem Hause, wo die HausfraitHüdin, der Haus- Herr aber zum Christenthume übergetreten ist, daß in einem solchen Hause, das als Ideal der Toleranz gelten könnte, ein Mensch Zutritt hat, der die Lehren der krassesten Intoleranz vergöttert —a Der Seelsorger schüttelte das Haupt, als ob es ihm ganz uumöglich wäre, ein derartiges Faktum zu begreifen. ״Aber wenn unser Haus sich ihm verschließen würde, wie könnte eS ferner noch als Ideal der Toleranz gelten? Und ich setze nun einmal meinen Stolz darein, die religiösen Ansichten eines Jeden, ich will nicht sagen, zu achten, aber eben gar nicht zu beachten,