Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1868-1869)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1868)
- Date
- 1868-10-01
- Page
- – (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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Von S... 65 Geschlecht zu verachten lehrt. Zch kenne allerdings sebr wenige seiner Bekenner, denn ich bin, wie Sie wissen, in einem christlichen Pensionat erzogen und bis zu meiner Verheiratung kaum mit Zuden in Berührung gekommen, geschweige denn mit ertbodoren. Aber weine seligen Schwiegereltern gehörten zu den glühendsten Verehrern des Talmuds, ich kann mir den seligen Schwiegervater kaum denkm, ohne seinen großen Folianten mit der eigenthümlich krausen Schrift vor sich, und wenn ich mich da erinnere, mir welch'inniger Hochachtung er der seligen Schwiegermutter stets begegnet ist, mit welch'zarter Aufmerksamkeit, einer Art rührenden Galanterie e^ sie stets behandelt hat, so kann ick es mir kaum möglich denken, daß das Buch, das ibm als heiligstes galt, worin er Tag und Nacht studirte, daß dieses Buch die Frauen zu verachten lehrt." Der Doktor zuckte verdrießlich eie׳Ach׳cln ״Heuchelei,' Heuchelei, darin ist diese Clique Meister. Aber eigenthümlich ist's doch gnädige ״Frau, daß Sie, die Gattin eines Getauften, eine so eifrige Verfech» tcrin des Talmuds sind. Wissen Sie wohl, wenn Sie den Lebren des Talmuds huldigen wollten, so hatten Sie sich schon längst von Zhrcm Herrn Gemahl scheiden lassen müssen." ״Ei, ei, Herr Doklor, darin liegt doch wcbl einiger Widerspruch, wenn der Talmud, wie Sie behaupten, die Frauen so ganz recht-und machtlos dem Manne überliefert, da ist es doch wohl eine Unmöglichkeit, daß er lehrt sie sollen sich von ii׳m scheiden lassen." ״Gnädige Frau wollen mir durchaus nicht glauben — dem Ungläubigen ist nicht zu helfen, doch ich fürchte, Sie werden es zu spät bereuen, meine Warnungen nicht beachtet zu baben. Wenn Sie ßch nur einen Begriff davon machen könnten, was dieser Talmud alles lehrt — Heute Morgen war eine alte, blutarme Frau mit einem gebrochenen Hühnerflügel bei mir, sie erzählte mir unter heißen Tbränen, ihre Tochter läge nach einer schweren Entbindung nun ganz kraftlos danieder; so schlecht ihre Verhältnisse auch sind, das Mutterherz hatte es doch möglich gemacht eine kräftige Hühnerbrühe für die Kranke zu bereiten, aber eben im Begriff die erquickende Nahrung der kranken Tochter zu reichen, hatte sie an einem Knöchelchen einen Bruch bemerkt, der es ihr zweifelhaft erscheinen ließ, ob der Genuß der Henne und der Supve nach dem Gesetze erlaubt sei. Angstvoll haftete ihr thränenumflorter Blick auf meiner Hand, die bas eorxus äelieti jetzt Hielt. Ich empfand das' tiefste innigste Mit-