Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1868-1869)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1868)
- Date
- 1868-10-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2932754-2933206-2933208--11301-2968797- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
46 KsrpeleS: Heinrich Heine und daS Judenthum. zes Leben hindurch geblieben, wozu Erziehung und Verkehr sie gemacht batte. Sie erhoben sich nicht über die bequeme Methode, da- Iudenthum aus der Höhe zu bettachten, das Ohr allen Verhöhnungen des traditionellen Zudenthnms zu öffnen, jeden Vertheidiger deffelben von vornherein für einen Heuchler oder gedankenlosen Menschen zu halten. Es war der ״Geist derZeit", dem zu widerstreden sie für sündhaft hielten, sie wollten nicht gegen den Strom schwimmen, hätten es auch nicht können. Sie waren Menschen wie sie zu Tausenden gezählt werden; vernünftige Menschen, aber die nur erfaßten was sie gelernt hatten: sie schritten fort, aber auf angewiesener Bahn, nach vorgezeichneter Richtung; sie übten Kritik an allen Dingen, nur nicht an sich selbst. So blieben sie was sie waren; durch äußere E'nflüffe auf Abwege geführt, ohne Besähtgung den richtigen Weg zu suchen. — Ganz Anders verhielt es sich mit Heine. Auch dieser folgte der Richtung, welche ihm angewiesen war, aber nur wenn er der Macht der Reflexbewegung nachgab; besaß aber eine Macht in sich, welche jene paralysirte, und welche seine Zeitgenoffen entbehrten, die Macht des Genies. Das Genie Heine's rief dem reißenden Strome des Zeitgeistes sein Halt zu, das Genie erleuchtete seine Augen, daß er durch die Nebel die Sonne erkennen konnte. Tas Genie reflektirt nicht, sondern sieht und durchschaut; bat die Reflcxion einen falschen Weg betreten so kommt sie nie zum Ziel, das Genie dagegen intuirt, erhebt sich wie der Adler, übersieht die Dinge aus der Vogelperspektive, und schießt plötzlich schnurgerade aus der Höhe um sich das ihm Gehörige anzueiznen. Aber die empfangenen Eindrücke waren doch lange Zeit selbst einem solchen Genie zu stark; er hatte das Gegentheil von Dem gelernt, was sein Genie erkannte; Umgang, äußere Lebenssteüung, Lorurtbeile, Alles arbeitete der Erkenntniß entgegen, der Erkenntniß nämlich des wahren, echten, ganzen Judenthnms. Dieses hat er eigentlich nie genau kennen gelernt, aber sein Genie hatte es gefunden , und sein Genie kämpfte mit den übrigen Erungenschäften seines Geistes. Unvermittelt lag in ihm der Gegensatz zwischen Judenthum und der negirenden Richtung seiner Zeitgenoffen, und so unvermittelt spricht sich dieser Gegensatz in seinen Schriften aus. Wäre seine Erziehung eine andere gewesen, ״hätte Heine (wir müffeu hier diesen Satz des Verf. wiederholen), hätte Heine das