Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1884)
- Article
- Was haben wir zu fürchten?
- Date
- 1884-11-27
- Page
- 754 (sequence 2)
- Language
- German
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754 Arabien eines Mai thrinms iiberftanben, bnS seines j gleichen nicht in der lhränciireichen Geschichte der Volker s aufוחןד1טו11ן hat. Wir haben leiden und dulden gelernt , mit keine andere Familie der Menschheit. Wir haben ge- , lernt, mitte» im Kammer und Elend, unter der niederschmetternden Wucht seindticher Gewalten den Weg zu dem Mächtigsten;11 finden, welcher das Mcnschenaeschick lenkt, und in der beseligenden Nähe Gottes haben wir die.'traft ,111־ Aasdaucr und;um Widerstand und den frischen Gcistcsmnth gewonnen, uns unserer heiligen Bestimm 1mg zu erhalten. Wüst entrang sich Israels Brust der bange Ausschrei 'עד־ אנרז ד־ ..Bis wohin, 0 Gott? תת״כהני נצה, — wirst Ln ewig mein vergessen? עד אנה תכ-תיד ״ את פניך דרניbis wohin Dein Angesicht mir verbergen? Bis wohin soll ich Rath in mir selbst suchen müssen, und nur Kummer Tags in meinem Herzen sinden? Bis wohin soll mein Feind sich so hoch dünken über mir? Schaue nur und erhöre mich damit, Gott mein Go!l! Erleuchte meine Augen, daß ich nicht in Todesschlaf falle, — daß mein Feind nicht sage, ich l.-abe es doch an ihm fertig gebracht: — meine Dränger jauchzen schon, wenn ick nur schwanke. Und ich habe doch in Deine Xüicbc vertraut, daß mein Herz durch Deine Hülfe ,11111 Anfjauchzcn komme: ich mochte Gvtt noch singen, wie Er alles über mich Gekommene zur Reife hat gebracht." (Psalm 13.) Der Mund, der diese Klage, diesen Seufzer, diese Erhebung, diesen Trost, diese Hoffnung. diese Zuvorsicht, diesen Jauchzer aus der israelitischen Volksseele gesprochen, ist längst verstummt, aber seine Lame leben unsterblich mit dem unsterblichen Volke des unsterblichen Gottes. Sie haben es begleitet durch die verschlungenen Pfade seines schiveren Ganges, sie haben es den Aufschwang zu Gott finden lassen, haben ihm Trost gebracht durch den Balsam der Hoffnung, und in dem zuversichtlichen Vertrauen auf Gottes Heil haben sic es den Jubel gelehrt ob des endlichen Erreichens der ihm gewordenen Mission. Israel hat warten gelernt. Es harret geduldig der Zeit, ivo der volle Inbeltou seiner Freude die Welt durchhallen wird, der Freude der durch Gott zur Reife gebrachten Vollendung seines leidensvollen Geschickes. Es weiß, daß dasselbe nur die Vorbereitung für das Gottcshcil ist, welches durch Israel der gesammten Menschheit gebracht wird; es weiß, daß trotz der Obmacht seiner Feinde, des Triumphgeschreis seiner Dränger, trotz der eigenen Ohnmacht und — ohne Gottes Beistand — rathloscn und verzweiflungsvollen Lage, — dennoch die Zukunft sein ist, so cs sich vor Gottes Antlitz weiß, Seiner Liebe vertraut und Ihm seinen Kummer und seinen Jubel weiht. Wenn es darum in der That bestimmt sein sollte, daß sich die Hoffnungen unserer heutigen Feinde in dem Wiederaufleben mittelalterlichen Elends verwirklichen würden, so vermöchte uns diese furchtbare Aussicht in unserer Zuversicht nicht zu erschüttern. Wir flüchteten uns mit unserem Elend zu Gott und wüßten uns geborgen in seinem Schutze. Von der antisemitischen Strömung in der christlichen Welt fürchten wir deshalb nichts für unseren Bestand. Man konnte einwcnden. daß wir keine Ursache zu einer Befürchtung hätten, wenn in der That der heutige Antisemitismus nichts anderes ats der brutale, finstere, mittelalterliche Judenhaß sein würde. Gegen die rohe Faust der (Gewalt bäumte sich auch des Zaghaftesten und Schwächsten schlummernder Muth endlich auf; auch das sanfteste Thier ließe sich in der Stunde ernstlicher Gefahr zum Widerstand reizen. Die Führer der anrisemitischeu Bewegung aber planten gar nicht einen blutigen Vertitgnngskamps, sic ivärcn viel zu sehr von dem Geiste der Liebe und Gerechtigkeit erfüllt, als daß solche Mordgedanken in ihrem Busen jemals aufsleige» tonnten. Sie würden niemals den durch Gesetz und Recht vorgezeichneten Weg verlassen, sic strebten in vollständig friedlicher und legaler Weise eine gesetzliche Regelung der Stellung der Juden im Staat und in der Gesellschaft an und wendeten jich gegen die Inden allerdings auch außerdem mit den Waffen des Spottes und — leugnen könnte man dieses freilich nicht, so man der Wahrheit die Ehre geben wollte, — haßte allerdings in einem gewissen Sinne den Juden und das Indenthum, d. h. nur insoweit dieser Haß ans die gewiß nicht unberechtigte Abneigung gegen das Jüdische im Inden und aus den Ausschluß der Juden aus den Ehren-, Vertrauens׳׳ und Autoritätsstcllnngcn in dem bürgerlichen und politischen Leben und anS dem intimeren sozialen Verkehr sich bezöge. Man wollte die christliche Welt mit einem unsichtbaren Walte gegen das Indenthmn umgeben, so daß sich der Jude ans sich selbst zurückzoge. Er möchte dort friedlich seinen Hauthierungen und Geschäften nachgehen und sich des Schutzes christlicher Obrigkeit und des christlichen Bewußtseins der Bürger erfreuen, weiche auch in dem Inden das Geschöpf Gottes nicht verkennen ließe, dem man kein Leid zu fügen dürfte. Und gerade dieser Spott und Haß in der milderen, . geläuterten Form des heutigen Antisemitismus 'müßte den Bestand des Indenthums gefährden, weil der Mensch sich dem rohen Angriff gegenüber allerdings stark fühlen könne, aber der sozialen Achtung erliegen müsse und zwar um so mehr, je ebenbürtiger er sich! dünke. Der ungebildete Jude des Mittelalters habe j auch den Fußtritt und Speichelwurf der Ritter und - Bauern ertragen, der gebildete heutige Jude müsse