Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1886)
- Article
- Die Toleranz des Judenthums
- Date
- 1886-12-16
- Page
- 788 (sequence 3)
- Language
- German
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788 Wink, daß wir den Völkern mit unserer spezifischen Glaubensrichtung nicht lästig werden mögen, sondern daß wir still und bescheiden den israelitischen GottcSgedankcn im Herzen zu tragen haben, und durch strenge Gerechtigkeit und wahre Herzenstreue uns der ganzen menschlichen Gesellschaft nützlich zu zeigen verpflichtet wären. Er sagt: ״Er hat dir kund gelhan, o Mensch! (der Israelit nämlich in seiner Eigenschaft als Mensch, als Bürger in der großen Welt der allgemeinen Mensch׳ heit, wo seine Sonderstellung als Jude nicht in Betracht kommt) was gut ist, und waö der Ewige von dir fordert: ans Recht halten, Liebe üben, — aber bescheiden, geräuschlos vor deinem Gotte wandeln!" Ihne ist die schreiende Gottesverherrlichung ebenso zuwider, wie dem Propheten Jesaia, der im Namen Gottes strafend spricht: ,,Darum, weil dieses Volk sich nähert, mit seinem Munde und mit seinen Lippen mich ehret, sein Herz aber hält eö fern von mir" u. s. w. (3es. 29.) Wohl spricht Jesaia im Namen Gottes: ״Mein HanS ist ein Bethauö für alte Völker", wohl hat der König Salomo den Tempel mit der liebcerfüllten Kundgebung eiugeweihet: ״Auch der Nichtisraelit, so er sein Herz im Gebet in diesem Hanse vor dir anSschnttel, mag Erhvrnng und Gewährung finden." Um wie viel mehr haben wir unsere christlichen Brüder, die wir brüderlich lieben müssen, da sie mit unö den einen Vater anbeten, zu achten und zu schätzen. ° Aber die Intoleranz ans mancher Seite unserer christlichen Mitbürger läßt die Liebe, die wir ihnen entgegenbringcn wollen, in: Keime ersticken! Soll es uns nicht aufs Tiefste kränken, wenn die Hetzereien unserer Gegner von dem rauschenden Beifall so vieler Männer von Bildung im Parlamente begleitet werden? Wer wagt cS zu leugnen, daß die Worte aus dem Munde von Männern, die sichern den trügerischen Deckmantel der Liebe hüllen, um Haß und Rache zu predigen, an der Newa und an der Donau!nächtigen Widerhall gefunden? Kann man bei objektiver Venrthcilnng die Thatsache bestreiten, daß die furchtbare, seit der Vertreibung der Juden von der pyrenäischcn Halbinsel ihres Gleichen in der Geschichte vergebens suchende Jndmvcrsolgung im russischen Reiche, daß die Esther Solymossi-Katastrophe Folgen und Konsequenzen der deutschen Jndmhetze waren, die in diesen falschen Propheten verkörpert sind? WaS aber auch immer als Beweggrund der gegenwärtigen Strömung angegeben wird, nichts ist zutreffend, sondern cö ist der Glaube, der Glaube an den einigen, einzigen Gott ohne jegliche Vermittelung. — In jeden! Jahrhundert begleiten ungeahnte Schrecken den Bekehrungögedanken. er taucht immer und immer wieder an der Oberfläche des ZcitstromeS auf und erscheint in verschiedenen Gestalten vor uns. ״Tauft euch!" — das ist das Facit, das sichere Facit, das wir auS den! wirren Durcheinander der Iudcnhctze ziehen, — daun hören alle eure Leiden von selbst ans! ״Wie soll das Völkerthum euren Glaubcusprotcst ertragen?" ״Meine lieben Inden! Taust euch doch!" so spricht saust ein großer Historiker, — wie einst jener Kaiser liebevoll zu dem jüngsten der sieben Märtyrcrsöhuc gesprochen — ״tauft euch doch, der christliche NetigionSgcdauke ist nun einmal der Träger des StaaLSgcbäudeS, wer ״deutsch" sein will, muß auch ״Christ" sein." ״Erkläret allesammt euren Austritt auS den! JndcnLhuMe!" Aber nein! Uin keinen Preis in der Welt will Israel auf Kosten seiner vielfach durchschossenen, aber desto mehr Trinmphe feiernden Fahne seines Glaubens staatliche Stellung und Bürgerwürde erlangen. Einem Herrn nur weihet Israel seine Liebe, darum fügt ihm die Thora hinzu: ״So liebe ihn mit ganzem Herzen,!nit ganzer Seele", d. h. und sollte eS auch dein Leben kosten, wie die Weisen unseres Volles erklären; und endlich ״mit deinen! ganzen Vermögen." Gieb alle deine irdischen GlückSgütcr hin für den Glauben, verzichte auf weltliche Ehrcnstetlnngcn, verlangt man als Preis für dieselben, deine Glaubensuntreue. Du liebst nur ״ein" Wesen, so liebe cs ״ganz", liebe cS ״uugethcilt". (Abarbancl in ראש אמנה, Abschn. 10.) Auch heute noch, wo leider das Herz Vieler in Israel erkaltet ist für die heilige Sache der Thora, wird eS doch Hab und Gut hingebcn für die Erhaltung seines HeiligthumS, wird es doch seinen letzten BtutStropfen verspritzen auf dem Altäre seines Glaubens. Hofft ja, Israel — ohne geringschätzend vom Christcnthmue zu denken, zu sprechen, ohne auch nur einen einzigen Augenblick zu vergessen, daß wir keinerlei Recht haben, das Hciligthnm so vieler Millionen anzutastcn — daß dereinst der israelitische GottcSgcdanke alle Welt erfüllen wird. « Sinnreich ist׳ das Bild zn Talm. Pesachim 56, a, ״daß die Söhne des Stammvaters Jakob dem schcidcnden Patriarchen zuriefen: ״Höre, Israel, der Ewige, unser Gott ist einzig, sowie du nur ״einen" Vater im Himmel anbctest, so auch deine Kinder;" worauf Jakob erwiderte: ״Gepriesen sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches immer und ewig!" Jakob hatte damaks eine Fernschan dcS Geistes bis hinciii in Israels spateste Zukunft und sah zu seiner Freude, daß, wenn auch viele seiner Nachkom-, n!cn der Thora und den! praktischen Jndcnthnm den Ziücken kehren werden, der Glaube an den einigen, einzigen Gott kr alte bleiben wird.