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Jeschurun · 1886-12-16 · Heft 50 (16.12.1886) · p. 787

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 50 (16.12.1886)
Article
Die Toleranz des Judenthums
Date
1886-12-16
Page
787 (sequence 2)
Language
German
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787 Ncligioii, bcn auch daö Volk Israel als den Erlöser anerkennen sollte. Tausendfachen Tod hat Israel gclitten für seine Ilcbcrzcugnng ״ .׳Der Messias als der Erlöser zn Zijon sei noch zu erwarten!" So lange sich nicht bestätigt dcö Propheten Jesaia Verheißung: ״Und geschehen wird cS am selbigen Tage: die Wurzel JischaiS, die da fleht als Panier der Völker, zu ״ihr" werden Völker sich wenden, sie aber wird in Ehren ruhig verharren (Jos. 11, 10)"; so lange dicS nicht der Fall ist, so lange vielmehr Missionäre für den Glauben an den bereits gekommenen Messias eine so übereifrige Propaganda unter den Juden zu entfalten sich gemüßigt sehen, so lange glaubt da-S Judenthum an das Erschicucnsein seines Erlösers nicht. Daß das Volk Israel, weil cs all' die lästigen VckehrnngSocrsnche mit Nnhe und Gewandtheit von sich abgleitcn läßt noch in dem sonst so geisteShellen Jahrhundert, in welchen! wir leben, die Zielscheibe dcS Spottes und dcS Hohnes ist; daß Israel auch in der Gegenwart von seinen Feinden' als die Schmach der Gcscllschast gekennzeichnet wird, das eben ist der klarste Beweis für uns, daß ״unser" Erlöser noch nicht gckonunen ist. Gort hat durch den Mund unserer Propheten nnS ja verkünden lassen, daß das Erscheinen des Erlösers alle Erdcnvölkcr durch die zarten Bande der Eintracht, der Harmonie und der Verbrüderung vereinigen wird, das; Haß und VcrsolgungSsttcht von der Erde schwinden, und daß die Nationen sich zn dem Gottesglaubcn Israels bekennen werden! Ist Israel ״erlöst", so frage ich, wenn gegen das Ende dcö neunzehnten Jahrhunderts das abscheuliche ChristeublutMärchen zu einem Tribunalakte erhoben wird? Jetzt, wo der Sonnenstrahl der Kultur und der Zivilisation längst, längst den Wolkensior finsterer Anschauungen durchbrochen, jetzt, nachdem das achtzehnte Jahrhundert nach langem Kämpfen und Ringen befahl: ״cs werde Licht!", und es ward Licht im nennzehnten Jahrhundert: Licht für alle, während im achtzehnten Jahrhundert noch nicht allc dessen fähig waren; jetzt also will man, was das Jndenthum betrifft, sich durchaus nicht loSrcißcn von der Scholle der alten Vorurthcik? Kann der Fencrhcld deS Himmels, wenn er im Morgenschmucke am Horizont erscheint, um seine Lichtstrahlen auf die Erde zu werfen, auch nur einem einzigen Plätzchen auf Erden seinen Schimmer mtzichcn? Wenn darum die Souuc der allgemeinen Ausklarung am Himmel der Menschheit sich. cmporgearbcitct hat, warum sollte cö ihr nicht möglich gewesen sein, auch dicscö Dunkel, das Dunkel, in welches das Judenthum dem Christeuthmuc gegenüber heute noch gehüllt ist, zu verscheuchen? Allein, diese Frage ist gehoben, wenn Israel, gestützt auf seine Propheten, die Organe Gottes, von dem Standpunkte auSgcht, ״daß sein Erlöser noch nicht gekommen ist."') Und wahrlich, pöbelhafte Aufreizungen wider Israel sind wohl nicht dazu geeignet, uns vom Gegenthcil zu überzeugen. Unser Volk will belehrt, nicht zu Geständnissen gezwungen werden, unser Volk will überzeugt, nicht überwältigt werden. Wenn der wilde Kampf auSgetobL hat, wenn die jüdischen Leiber zerstückelt worden sind, dann wurde nach wie vor die Frage zum Himmel gerichtet, zum Himmel, wo gelöst sind die ewigen Näthsel der Weltgeschichte: ״Allgütiger Gott! Wann wirst du deinem Volke Israel den Crlöscr senden?" Aber, so höre ich fragen, kommt denn daö Christenthum ausschließlich mit dem Degen in der Hand? Will eS denn nicht auch den dogmatisch-wissenschastlichcn Kampf aufnehmen? Ganz recht, aber wenn wir das Schlachtfeld dcö Geistes behaupten, so verläßt uns ein christlicher Eiscrcr mit Groll im Herzen wegen der Verschicdenartiglcit unserer Anssassk'ng, die messiam'schen Stellen der heiligen Schrift betreffend, und imn!er dichter zieht er die Scheidewand zwischen Judmthnm und Christenthum; wir Inden aber fühlen nnS nichtsdestowcnigcr eins mit den Christen, weil wir cbm doch an einen und denselben Vater gtanben; wir ziehen toleranter Weise den Punkt in Betracht, der wie ein!nächtiger Aar seine Schwingen über uns allesammt ansbreitet; und was die Frage des ״Erlösers״ bctrisst, so lassen wir, um mit dem großen Friedrich zn sprechen, Jeden nach seiner Fa§on selig werden. Ist es ja nur der Israeliten Pflicht, mit ausrichtiger Treue zn glauben, daß sein Messias.noch zu erwarten sei, und Proselhkcnmachcrei kennt man bei uns Inden nicht; warum also sollen wir die Christen, die gemeinschaftlich mit nnS einen Gott als Allvater haben, hassen? Wann wird die Zeit kommen, wo die Wett verstehen wird die tiefe Weisheit, die in den folgenden Worten LcssingS niedergelcgl ist: ״Klosterbruder: Nathan! Nathan! Ihr seid ein Christ! . Bei Gott, Ihr seid ein Christ! Ein bess'rcr Christ war nie! Nathan: Wohl uns! Denn was mich Euch zum Christen macht, daS macht Euch mir znm Inden." ׳) Micha, der Prophet, von der Stellung Jakobs unter den Völkern sprechend, giebt uns Israeliten einen ') Mil der Devise ״Freiheit den Christen", die sehr loben?- werth ist, zog Rußland sängst in den Krieg gegen das odmanifche Reich, aber die ״Juden" im eigenen Lande verfolgt man grausam! -) Dag Lessing seinem Freunde Mendelssohn in dem Meisterwerke feiner dramatischen Muse ein nnsicMiches Denkmal setzte, ist anliscmitischcn Literarhistorikern recht unbequem, sie bestreiten er daher tendenziös.

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