Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-12-16 · Heft 50 (16.12.1886) · p. 789

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 50 (16.12.1886)
Article
Die Toleranz des Judenthums
Date
1886-12-16
Page
789 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933203-2968125--23734-2968169
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

789 Dicö scheint auch zu Gittin57,b. dem Gedanken des großen Agadisten Rabbi Iosna bcn Levi zu Grunde zu liegen: "״אם הבנים שמחה זר מילה שניתנה בשמינית. Sonderbar! Allein, eben hanchtcn sieben Märtyrer ihre reinen Seelen (1118; und man könnte vielleicht der Bcfürchtnng Raum geben, cS werde eine Zeit kommen, wo in Israel dieser heroische Glanbcnsgeist nntcrgehen wird, und waS dann? . Darum ertönte die Stimme: ״Furchtet nicht! So lange Israel das abrahamitijchc VnndeSzcichen trägt, so lange vertritt cS auch das Glanbenshcldcnthum eines Abraham!" Treffend wird daher diese Erzählung von der Mutter und ihren sieben Söhnen eingclcitet mit dem Davidischcn Verö: ״Denn um ״dich" werden wir gewürgt für und für". Prolog und Epilog eines Sinnes. — Demgemäß auch wohl das: "בך הותמיז ״ "ולא בבולםder Begründer des Glaubens für UNdeutliche Zeiten." DttitWONd AHmd. Eine Skizze von * * ־*. (Schluß.) Und in Nußland, wohin eine gerade Straße von der Hochburg der ״Berliner Aufklärung" führt? Fester als in Deutschland fand sic hier das alte Iudcnthum in dem Herzen des Volkes wurzelnd. Gewaltige Helden stellten sich ihr entgegen. In offener Feldfchlacht wäre sie unterlegen. Da trat List und Verschlagenheit an Stelle der Tapferkeit. WaS nicht ans dcui kurzen geraden Wege zu erreichen war, auf Schlcichpfadcn mußte cS erlangt werden, langsam, aber sicher. Der KriegSrock wurde ansgezogen, das Schwert in die Scheide gesteckt, die schwere Sturmhaube wich' dem Kranze um das lockeugcschmückte, von wohlricchendem Oele duftende Haupt. Lächelnden Mundes, die Palme des Friedens in der Rechten, die Schalmei heiterer Lust in der Linken — so nahte die Reform den ernsten, strengen Helden, so kehrte.' sie ein in das Lager kampfbereiter Streiter. Und eine gar liebliche, holdselige Melodie stimmte sie an auf ihrer Schalmei,, und gar lieblicher, holdseliger Saug entströmte ihren Lippen. ״Unser Herz schwillt.in Liebe zum hcitigcn Väterglauben — ihm allein gilt unser Sehnen! Zion unsere Wonne, Inda Gegenstand unserer innigen Zärtlichkeit. Wie schön sind deine Laute, Israel, wie entzückend herrlich die Züge deines Antlitzes!" ״Armes, geliebtes Israel, wie bist du verkannt,. du Holde, Schöne! Sie haben dich geschmäht und geschlagen, haben dein Gewand beschmutzt, zerrissen. Wirr hängen die Locken um dein Haupt, Gram und Sorge entstellen dein Gesicht. Wir wollen dich befreien, Geliebte, wollen scheuchen den Kummer, wollen glätten die Furchen deiner Stirn, wollen dich salben und in Prachtgewändcr kleiden. Folge uns, wir wollen dich führen zn blummgeschmückter Flur, wir wollen Rosen auf deine Bahn streuen — komm' mit uns, wir sind des MegcS kundig!"-— Also der Sirenengesang der Reform, wie er in den Gefilden Rußlands angcstimmt wurde und noch heute ertönt. In den Zelten der gewaltigen Helden läßt man sich nicht von ihm bestricken, aber bei dem tapfer« KricgSvolk findet er williges Ohr. Die alten Kämpen lehnen den Speer an die Wand und reichen dem Sänger die Hand zum fröhlichen Neigen. Die grimmen Führer schauen cs, aber ihr ernstes Wort ist ohnmächtig gegen die Schmeichclrcde. Die Mahnung verhallt ungchört, die Warnung findet kein Verstäudniß. O, sie ist schlau, die Reform! Da träufelt sic süßes Gift in des Volkes Ohr. ״Sich, wir sind angesehen und wohlgelitten bei den Herren, wir wollen dein Fürsprecher sein. Lasse fahren die alten, ehrwürdigen Leiter und Lehrer — sie sind eben alt, gehören einer vergangenen Zeit au und verstehen die Gegenwart nicht. Du mußt aufgeklärt und gebildet werden, daun verschaffen wir dir Freiheit und Wohlstand. Weißt du, was ״geläuterter Glaube" ist? Wir wollen ihn dich lehren, daun wirst du angenehm in den Augen der Negierung. Du kannst uns vertrauen, wir meinen eS gut, wir wollen ja nichts Anderes als dein Wohl." Und da schreiben sie dann Bücher und geben Zeitungen heraus und sachte und langsam verwirren sie dm Geist des Volkes, bringen ihm falsche Begriffe bei, — und gelangen so zum Siege, den sic offen nimmer erkämpft hätten. Wie sie das Volk berücken, also wissen sie auch das Ohr der Negierung zu gewinnen. Die Gesetzestreuen ׳weiß man zn verdächtigen, das alte Jndenthmn in den Augen der Machthaber hcrabzusetzcn, sich aber und die Reform als heilbringende Potenzen anfzuspielen. Und cS ist ihnen gelungen. Sic haben das Volk und das Ohr der Negierung. Die äußeren Verhältnisse der Inden kamen ihren Bestrebungen zu Hülfe. Bis zum Jahre 663 נ ruhte eine Doppcllast auf den Schultern der Jude«: die Herrschaft dcö Reiches und des polnischen Adels. lliUcr Kaiser Nikolaus wurden sie zum Militärdienst herangezogen, von dem platten Lande verdrängt, auf einen bestimmten Rayon hingcwiescn. Diese und ähnliche Umstände erzeugten Verhältnisse, unter welchen cS galt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.