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Jeschurun · 1886-11-25 · Heft 47 (25.11.1886) · p. 740

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 47 (25.11.1886)
Article
Was soll aus unseren unglücklichen Brüdern werden?
Date
1886-11-25
Page
740 (sequence 3)
Language
German
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740 Wir sind weit entfernt zu verkennen, was für die aus dem Osten Europas nach dem Westen ziehenden armen Inden von Seiten ihrer Glaubensgenossen in England sowohl wie in Deutschland, Frankreich, Amerika und andern Ländern während der letzten fünf Jahre gcthan ist. Die für sie aufgewandten Beträge erreichen eine staunenSwerthe Höhe. Wir haben aber ebenso wenig niemals verkannt, das; das große Werk der Bruderliebe, welches hier zu üben heiligste Pflicht istin der gewählten Weise nicht einer gedeihlichen Entfaltung entgegengcführt werden konnte. Wir haben cs als einen Fehler betrachtet, daß man aus dem Kontinente meistens eS für die weiseste Maxime erachtete, den Strom der ans ihrer Heimath durch die Noth zur Auswanderung gezwuugenen Brüder nach England und Amerika zn dirigiren und damit seiner Pflicht ein volles Genüge geleistet zu haben wähnte. Was wir befürchtet, ist zur schrecklichen Wirklichkeit geworden. Amerika vermochte nicht, für die nach Tausenden und aber Tausenden zählenden Einwanderer zu sorgen. Viele von diesen waren gezwungen, wieder nach Europa zurückzukehren, ärmer, elender und schwächer als sie gekomnren. Viele sind, wie wir leider bestimmt annehmen müssen, aufgerieben worden. Inzwischen hat die Ausweisung aus Deutschland stattgehabt. Kaum waren die hier ansässig aber nicht heimathberechtigt Gewordenen gcnöthigt, sich eine neue Wohnstätte zn suchen, als bereits von Holland her die Warnung kam, dorthin keine weiteren Züge zu lenken. Man könne mit dem besten Willen nicht für Mehrere Beistand schaffen. Auch aus Frankreich lauteten die Nachrichten für die Emigranten nicht günstig. Die Lage der Juden in Rumänien gestaltete sich immer unhaltbarer. Verordnung reihte sich an Vcrordnung, um ihnen daö letzte Stücklein Brod noch mehr zu verkümmern. Willkür lokaler Behörden vollendete was noch etwa zu thun wäre, um die Juden zur Auswanderung zu zwingen. Die Schaaren der aus der Heimath Getriebenen, in ihrem Erwerb Gehinderten mehrten sich. Die versuchte Ansiedelung im Osten war thcilwcise mißglückt. Die türkische Regierung bereitete einer serneren Ausdehnung derselben Hindernisse. Nur der Westen stand ihnen offen. Ebenso gestaltete sich das LooS unserer Brüder im russischen Reiche keineswegs freundlicher. Die erhoffte Besserung durch die seit Jahren über eine Regelung der jüdischen Verhältnisse berathende, von der Negierung eingesetzte Kommission ist bis zur Stunde ansgeblieben. Dagegen haben Maßregeln Platz gegriffen, durch welche Tausende, von jüdischen Familien daselbst heimath- und erwerblos geworden sind. Sic sind gezwungen, ihre Schritte gleichfalls nach dem Westen zu lenken. Da verschließt diesen Unglücklichen Amerika seinen gastlichen Boden. Die dortigen Glaubensgenoffen entsenden einen Warnruf nach Europa, die Emigrircnden daselbst zurückzuhalten. Und nun kommt die große Londoner Kommission mit der gleichen Warnung!- Was soll aus unseren unglücklichen Brüdern werden?? Die Heimath ist ihnen zu einer Wüste geworden. Ueberall finden sie verschlossene Pforten. Wo sollen sie hin, die Elendesten und Aermsten, mit Weib und Kind? Was soll aus ihnen werden? Ja, kämm sie mit vollen Händen, dann wären sie, wenn auch nicht in Deutschland, so doch in England und Amerika willkommen. Wir glauben den Herren der Londoner Armenkommission sehr gern, daß sie eifrig bestrebt bleiben werden, dem Elend und der Noth der dort Weilenden zu steuern. Wir sind der festen Zuversicht, daß die Londoner Jndenschaft in ihrer gewohnten edlen Menschenliebe nicht erkalten, vielmehr unausgesetzt und mit reicher Hand der dortigen Armnth Hülfe zn bringen wissen wird. Wir sind ferner durchaus überzeugt, daß die Herren nur von dem Anblick der ihre Hülfe heischenden bittern Noth der Londoner Einwohner überwältigt, jenen verzweiflnngsvollen Beschluß fassen konnten, nur solche Hülfsbedürftige zn unterstützen, welche mindestens bereits seit sechs Monaten in London ansässig sind. Was soll aber mit denen geschehen, welche erst jetzt und in Zukunft zum Verlassen der Heimath gezwungen werden? Die edlen Männer in London, welche in aufopfernder Hingebung sich des NothstandcS ihrer dort ansässigen Brüder seit Jahren annehmen, wissen es ebenso gut wie wir, daß der Jude nur gezwungen seine Heimath anfgiebt. Nur wenn die Verhältnisse ihn da;u nöthigen, entschließt er sich schweren Herzens, mit Weib und Kind die Slütte seiner Geburt zn verlassen. So lange er nur irgendwie in der Heimath ein kärgliches Dasein fristen kann, verharrt er in zäher Ausdauer in dem Kampfe mit den widrigsten äußeren Bedingungen des Lebens. Darum ist es der elendeste und in seinen Mitteln vollkommen erschöpfte Thcil der jüdischen Bevölkerung, welcher sich zur Auswanderung entschließt, weil ihm nichts Anderes übrig bleibt. Da ziehen sie hin, diese Unglücklichsten der Unglücklichen, von Ort zn Ort, von Land zn Land, und nirgend wird ihnen ausgethan. Nirgend duldet man ihre Niederlassung. Soll in dem Rufe ״Zurück!" unsere ganze Liebe und Weisheit für diese Beklagens-

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