Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1886)
- Article
- Was soll aus unseren unglücklichen Brüdern werden?
- Date
- 1886-11-25
- Page
- 741 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933200-2967846--23538-2967912- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
741 Werthesten, welche an unser Menschen- und Brüdergesühl appelliren, sich erschöpfen?? Sie können nicht zurück; — könnten sie, so waren sie wahrlich nicht fortgegangcn. Und weil sie nicht zurück können, sollen wir uns ihrer nicht erbarmen? Bedürfen sie nicht desto mehr unseres BeistandeS?. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die Londoner Herren in nicht minderer Entschiedenheit wie wir für diese Unglücklichen den Beistand der Glaubensgenossen verlangen werden, wenn sie gleich uns sich vor die Seele fühlen, daß daö Verlassen des Heimathlandcs der letzte Schritt gewesen ist, der ihnen noch als ein Versuch zur Ncttnng vor dem drohenden Untergange geblieben war. Wenn aber eine so hochherzige und bedächtige Körperschaft, wie der Board vs Guardians sor the Relief of the Jewish Poor in London, einen Beschluß wie den vorliegenden in Verzweiflung hat fassen können, wenn ihr klarer Blick getrübt werden konnte, dann müssen allerdings die Verhältnisse in London eine Gestattung angenommen haben, die entsetzlich ist. Und mit dieser Thatsache muß gerechnet werden. Fassen wir demnach die Lage unserer unglücklichen Glaubensgenossen ins Auge, so werden wir über solgende Punkte nicht im Zweifel sein können: 1) Diejenigen Juden, welche mit ihrcn Familien die Hcimath verlassen, sind durch die äußerste Noth dazu gezwungen. 2) Man dars sie deshalb nicht wieder zur Rückkehr nöthigen. 3) Deutschland ist ihnen zur Ansässigmachung vcrschlossen. 4) Nach Amerika kann man sie nicht entsenden. 5) London vermag nicht, sich ihrer anzunchmcn. Angesichts dieser Lage ist die Frage: Was soll aus unseren unglücklichen Brüdern werden? so dringend wie schwierig. Eine Antwort muß gefanden werden. Es bedarf wohl keines Nachweises, daß sic nicht von einer einzigen Körperschaft, von einem einzelnen Lande gelöst werden kann. Ganz Israel muß sich ihrer Lösung weihen. Alle Inden aller Länder müssen cinmüthig an ihrer Lösung arbeiten. Es gilt, den heimathloS Gewordenen eine sichere Heimath wiederum zu finden, in welcher sie in Frieden sich der Sorge für ihre Existenz hingeben können. Es gilt, ihnen in dieser neuen Hcimath die nothwcndigen Mittel zu gewähren, mit welchen sie sich eine Existenz gründen können. Wir erachten den Board os Guardians fpr the Relief of the Jewish Poor für die berufenste Stelle, von welcher aus eine Aufforderung zur gemeinsamen Lösung dieser ganz Israel obliegenden Aufgabe an alle Juden aller Länder ergehen könnte. Wir richten deshalb an die geehrten Londoner Herren die dringende Bitte, nach dieser Richtung hin die Initiative zu ergreifen. Sie werde» damit wahrhaft Großes anregen und unter göttlichem Beistand auch erreichen. Wir legen jedem jüdischen Manne und jeder jüdischeu Frau die dringende Frage ans Herz Waö soll aus unseren unglücklichen Brüdern werden? Ihnen kann nur dann Hülfe werden, wenn alle ihre Brüder und Schwestern in opferwilliger Liebe sich ihrer annchmcu mit Rath und That. MWc Krikfc ans mid über RHMd. Von Penie!. (Ans dem Hebräischen übersetzt.) IX. Die durch die Huldigung verblendeter, wahrhaft frommer, auch in den Augen einer wenig zu unterscheiden verstehenden Masse als die berufenen Ober- Häupter und Führer geltenden Feinde des Judeuthums sind um so mächtiger, als sie auch die Presse beherrschen. Wehe dem Kühnen, der gegen sie auszutreten sich ermannt! Er ist unrettbar verloren. Sie verfolgen ihn wie ein gehetztes Wild bis er zu Boden sinkt und wissen das arme Volk so zu bethören, daß dieses auf ihre Seite tritt und ihnen Beifall spendet. Haben sie doch die Zügel der. Führung und das Mandat der Vertretung sich zu erringen gewußt. Sie sind es ja, welche die Angelegen- Heiken der Gcmcmden bei der Negierung vertreten; sie sind es ja, welche natürlich auch Dasjenige, was von Nützlichcm und Gutem innerhalb des jüdischen GeiucinweseiiS zur Entfaltung gelangt, unter ihrer Verwaltung haben und soinit leicht sich als die Schöpfer und Spender dieser Wohlthatcn ausgeben können, während sie nur die Verwalter sind. Sie sind eS ja, welche Ändenthmn in Verbindung mit sozialer Bildung anstreben — sie sagen es ja, und man glaubt der Täuschung! — und so sind sie die einzigen Gerechten und Frommen im Lande, denen allein die Huldigung gebührt. Und einer solchen starken Position gegenüber sollte cs Jemand wagen, vor das Volk hinzutretcn und zu sprechen: Wie laßt ihr euch doch täuschen! Seht ihr denn nicht, wie man die Mittel der Gemeinden, zu heiligen Zwecken bestimmt, in unerhörter Weise für selbstsüchtige Ziele