Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1886)
- Article
- Was soll aus unseren unglücklichen Brüdern werden?
- Date
- 1886-11-25
- Page
- 739 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Korrespondenzen aus Newyor? und London regten sie an. WaS in Nr. 45 und 46 ans der Hauptstadt Englands berichtet worden ist, findet durch ein uns soeben von Herrn Lionel L. Cohen, Präsidenten des Board of Guardians for the Relief of the Iewish Poor, zngehendes Schreiben seine Bestätigung. Die Bedeutsamkeit dieses Schreibens veranlaßt uns, dasselbe hiermit der Oefsentlichkeit zu übergeben: ״London, 16. November 1986. Sehr geehrter Herr! Die weit verbreitete Bekanntschaft Ihres Blattes veranlaßt mich, Ihnen einliegende Warnung zu übersenden. Ich habe keinen Zweifel, daß Sie dem Inhalt des Zirkulars Ihr gütiges Gehör geben werden und auch die Freundlichkeit beweisen, eine Redaktionsnotiz zu geben, und ich kann Ihnen nur versichern, daß solches von höchstem Werthe sein würde, als auch ein besonderer Dienst zum sehr wohlthätigen Zwecke. Voraus Ihnen bestens dankend, habe ich die Ehre zu zeichnen Mit aller Hochachtung Ihr ergebenster Lionel L. Cohen, Präsident." DaS Zirknlarschreiben lautet: ״Die Unterzeichnete Behörde fühlt sich im Interesse der Humanität und des gefährdeten Glaubens veranlaßt, alle Gemeindevorstandc, Vereine und Wohlthätigkcitsfreunde des Kontinents ans die in ganz England, hauptsächlich aber in London, herrschende Arbeitsnoth, von der unsere arme jüdische Bevölkerung in erster Reihe betroffen ist, dringend aufmerksam zu machen. Diese Noth hat in den letzten Monaten eine Höhe erreicht, die an das Unglaubliche streift und Folgen der allerschlimmsten Art befürchten läßt. Der Handel liegt darnieder, Fabriken feiern, und der arme und wider Willen beschäftigungslose Mann darbt, und seine Familie ist ohne Ernährer! Vergebens, daß sich Hunderte von achtbaren, arbeitsamen Familienvätern nach der allergeringsten Arbeit Umsehen, deren Ertrag ihr und ihrer Familie Dasein, wenn anch nur kümmerlich, fristen kann. So beklagensmerth diefe Einheimischen, die der Sprache mächtig und des Landes kundig sind, weit beklagenswerther aber noch sind die armen aus Polen, Deutschland und Rußland Eingewanderten, die aufs Gerathewohl oder durch falsche Vorspiegelungen mit großen Plänen und reichen Erwartungen hierher gekomnien sind und, nun ihre Lustschlösser zerstört, aus ihrem GlückStraum aufgerüttelt, sich einer grausamen Wirklichkeit gegenüber befinden. Ohne- Heim, ohne Freund, ohne Erwerb, des Landes und der Sprache unkundig, sind sie den Schrecknissen des Hungers und den Verlockungen der Missionare preisgegeben. Hunderl dieser Unglücklichen wandern freund-, schütz- und brodlo umher und jammern darnach, nur wieder in ih! Heimath zurückgeschickt zu werden. Aber leider kan ihnen auch in dieser Hinsicht nicht mehr geholfen Werder da die deutschen Hasenbehörden sich dem Landen de Nückkehrendcn widersetzen und dies nur in Fällen, w der Heimkchrcnde mit bis zu seinem Heimathsort aus reichenden Geldmitteln versehen ist, gestatten. Ei früherer Ausweg, Beschäftigungslosen zur Weite! Wanderung nach Amerika behttlflich zu sein, ist gänzlic abgeschnitten, seitdem die Vereinigten Staaten nu solche Emigranten, die sich als Mittelbesitzende aus weisen können, zulassen. Unter diesen Umständen sieht sich die Armen kommission Londons zu ihrem großen und aufrichtige! Bedauern außer Stande, diesen bemitleidenSwerthe! neu Eingewauderten bchülslich zu sein, und im Inleress der hier ansässigen Armen findet sie sich veranlaßt, au das früher streng eingehaltene Prinzip zurückznlomme! und nur solche Hülfsbedürftigezu unterstützen, di mindestens sechs Monate hier ansässig, und di durch unvermeidliche Umstände (wie die jetzt herrschend Beschäftigungslosigkeit) ohne ihre Schuld in Noth ge rathcn sind. Das Elend und die Noth unter de! hier Weilenden zu verringern und zu beseitigen is unser eifrigstes Bestreben, und, um diesem Elenl Einhalt zu thun und Andere vor gleichem Elend z! schützen, ersuchen wir die Milhülfc alter edetdeukendel Glaubensgenossen Deutschlands, Rußlands und Oester rcichs, daß sie vereint mit uns dieser beklagenswerther EinwanderungSfluth Einhalt zu gebieten versuchen, all, Auswanderungslustige von ihrem Vorhaben, aufs Un gewisse ein fremdes Land aufzusuchen, abrathen unk zur Rückkehr in ihre Heimath bewegen. Weit besser daß sie sich dort, wenn auch nur kümmerlich, ernähren als daß sic im fremden Lande, der Entbehrung, der Verlockungen der Mission, rrnd Enttäuschungen aller Art preisgegeben, elendiglich nntergehen. Board of Guardians for the Relief of the Iewish Poor Lionel L. Cohen, Präsident." Wir kommen dem von Herrn Cohen an uns gestellten Ersuchen, diesem Schreiben unsererseits einigt Bemerkungen anzufügcn, um so williger nach, als wir dem von der Londoner Armenkommission unternommeneu Schritt unfern Beifall nicht zollen können. Wir stellen demselben in dem ganzen Ernste der furchtbarer Lage, welche damit den beklagenSwerthesten unserer Giaubensgenoffcn bereitet wird, die Frage entgegen: ״WaS soll au$.unfern unglücklich en Brüdern werden?