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Jeschurun · 1886-10-28 · Heft 42-43 (28.10.1886) · p. 669

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 42-43 (28.10.1886)
Article
Das rabbinische Judenthum und die soziale Bildung
Date
1886-10-28
Page
669 (sequence 3)
Language
German
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Alle einst uns zu verantworten haben, wie wir mit unser» Gaben gehaust, wie wir vor Allem unsere Stellung zum Heile oder Unsegen unserer Brüder benutzt oder mißbraucht. Und auch auf Erden erscheint noch die Zeit, wo die Enkel bejammernd den Stab brechen werden über einen Leichtsinn, dem eine solche Richtung die Altäre gebaut. Das aber gestehen wir offen. Würde uns die Bibel das sein, was sie dem Herrn Doktor ist, wir würden eS als ein Verbrechen, als eine Versündigung an der uns anvertrautcn Jugend betrachten, ihr die Bibel in die Hände zu geben, und zugleich die Kunstgriffe zu lehren, mit denen man, dem ausgesprochenen Gottcsworte gegenüber, -as Gewissen abfiudet und beschwichtigt. Wir würden zittern vor dem Verrathe, den wir an den zarten Kinderherzeu begingen, würden das Sittengesetz rein nur aus der Ahnung der meuschlichen Brust entwickeln — die Bibel aber unter den. Antiquitäten verschollener Zeiten vermodern lassen. Mit bem Anonymus waren wir fertig. Mit dem Herrn Dr. Heß sind wir fertig. Wir haben ja diese ganze öffentliche Diskussion nicht angeregt; friedlich gedachten wir die zur Ent- Wickelung unseres religiösen Glaubens erforderlichen Institutionen zu gründen und zu vollenden. Und wahrlich, friedlich hätte man uns unfern Weg gehen lassen können. Wir haben die auf anderem Wege ihr Heil suchenden Brüder nie angegriffen und werden sie nie angreifen. Wir sind überzeugt, das bessere, wahrere Theil ergriffen zu haben, — wir gestehen, provozirt, cs offen, wir sind von der Ueberzeugung allerdings durchdrungen, unser Judenthum als das allein wahre, als das allein wirkliche Judenthum verehren zu dürfen — und wehe dem Juden, der selbst an der Wahrheit seines Judenthums noch zweifelte und doch nicht stark genug wäre, das bessere, wahrere zu ergreifen — wir sind überzeugt, mit unserm Streben uidjt nur unser Heil, sondern auch das Heil der einst zum Bessern erwachenden Enkel der uns jetzt entgegeustehenden Brüder zu begründen — aber nimmer haben wir und nimmer werden wir diese Ueberzeugung Anderen aufdrängcn, haben um dieser unserer Ueberzeugung willen Andere nie angeseindct und werden sie ule anftinden, wir erwarten den Sieg unserer Sache von der still und um so sicherer siegenden Kraft der lebendigen Wahrheit, und haben mit keinem Worte die Angriffe des Herrn Doktor provozirt. Daß wir unsere Unterrichtsaustalt angekündigt, und offen und frei die Prinzipien dargelegt, auf die wir sie gegründet, wer hätte das anders erwartet? Und wer hatte auch erwartet, daß dieselben dem Herrn Dr. Heß, dem — wie er von sich rühmt — eigentlichen Schöpfer der Richtung, die wir beklagen, dem eigentlichen Urheber des NiffcS, der in unserer Gemeinde klaffet, wer hätte erwartet, daß sie ihm und seinen Ansichten gefallen? Er selbst gewiß am Allerwenigsten! Und wahrlich, nicht, daß unsere Anstalt der Pflege des cinzig-historisch-wirklichen JudeuthnmS, wie unsere und seine Väter es gekannt, gewidmet ist, nicht das bringt ihn in Harnisch, sondern, daß wir mit gleicher entschieden ernster Sorgfalt, auch die allgemein soziale wissenschaftliche Bildung der Jugend versorgen, das bringt ihn auf, das gefährdet das Monopol, das e.r mit. ins Grab zu nehmen gedachte, wenn auch nicht im Besitze des allein wahrhaften JndenthumS, doch der alleinige Pfleger der humanen Bildung im hiesigen Kreise gewesen zu sein. Hätten wir unsere Anstalt einem rabbiuischen Judenthüm geweiht, wie der Herr Donor in seiner Unkenntniß es sich einzig möglich denkt, und eine solche Schule gegründet, ״in welcher jedes deutsche Wort verpönt gewesen wäre", vergnügt hätte er sich die Hände gerieben und uns still unseres Weges ziehen lassen. Aber daß wir zu der Erleuchtung unseres großen rabbinisch-talmudischen Ahnen zurückgekehrt in nachstrebender Hingebung uns die ihm im ״ersten Worte der Verständigung" genannten geistigen Heroen unseres Volkes zum Muster genommen, das macht ihn für den wirklichen Sieg seines langjährigen Strebcns zittern, und eben sein Zittern bürgt uns dafür, das Rechte getroffen zu haben. Mit dem Herrn Dr. Heß sind wir fertig. Wenn etwas noch die Begeisterung der ״kleinen Heerde", wie der Herr Doktor uns nennt, für ihr begounenes Werk hätte steigern können, nichts war so geeignet dazu, als die letzten Worte des Herrn Dr. Heß. Wir sehen den Abgrund, aus dem es galt, unsere Kinder und Kindeskinder zu retten, und danken Gott dafür, daß er soweit geholfen. Frankfurt, den 19. April 1853. (gez.) Rabbiner Hirsch. Dr. Heß zog eS vor, ans diese Abfertigung nicht zu erwidern. Der geistige Schöpfer des Philantropien, der Realschule der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. ist seitdem dahingeschiedcn. Seine Nachfolger traten in seine Fußtapfen und fahren fort, die Jugend FrankfurtS im Geiste der Reform zu bilden. Neben dieser Schule, welche unter Verachtung der väterlichen Religion soziale Bildung zu fördern strebt, erhebt sich aber in imp.onireuder Größe die Schule, welche in ihrem geringen Ursprünge den Hohn und Angriff der Reform über sich ergehen lassen mußte. Die vergangenen drei Jahrzehnte haben sie wachsen und gedeihen lassen. Sie ist ihrem grundlegenden Prinzipe getreu geblieben und hat den sprechendsten

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