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Jeschurun · 1886-10-28 · Heft 42-43 (28.10.1886) · p. 668

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 42-43 (28.10.1886)
Article
Das rabbinische Judenthum und die soziale Bildung
Date
1886-10-28
Page
668 (sequence 2)
Language
German
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668 Dem kritischen Auge müsse erst noch erwiesen werden, ob denn auch Alles von MoseS sei, was von Moses gelte, und mindestens in einer Anmerkung zu fragen erlaubt sein, ob denn überhaupt auch das sogenannte Zeremonialgesetz — eS sind dies mehr als 9/!u aller biblischen Gesetze — noch außer Palästina Geltung habe. Dies zu entscheiden sei Sache der Wissenschaft. Aber, obgleich diese Entscheidung noch nicht liquide, der Lehrer der Jugend habe doch vorweg schon das Resultat zu lehren, und dürfe sich rühmen, als Erzieher eines großen TheilS der jetzigen Generation sich redlich bemüht zu haben, ihnen die gründliche Verachtung ihrer väterlichen Religion beizubringen, sie gelehrt zu haben, daß man an der Authentizität der Bibel noch zweifeln dürfe, daß 9,1״ der jüdischen Gesetze antiquirt, und wenn man nur recht kritisch-wissenschaftlich gebildet sei, sich die Abfindung mit allem Uebrigen auf die leichteste Weise fände. Man deute eben das Bibel wort — der Herr Doktor verzeihet — wie es bequem ist; er giebt uns ja die Probe. Chamez, Machamezeth heißt allgemein Gesäuertes — das ist unbequem, so heißt es gesäuertes Brod, von Bier ist ja keine Rede! Kein Feuer sollt ihr anzünden am Sabbath! lehrt freilich die Bibel; allein die brennende Zigarre ist ja nicht genannt! Den Genuß der Würmer hat allerdings die Bibel verboten; aber um im Sommer nachzusehen, ob die Frucht keine Würmer habe, ist ia lächerlich! Blut zu essen ist verboten, aber Fleisch von Blut zu reinigen, mehr als Kinderei! Die Feier de-3 SabbathS steht freilich in den jüdischen Zehn-Geboten; aber das hindert ja nicht, den von Gott geweihten Sabbath der größeren Beqiieinlichkeit halber aus den Sonntag zu verlegen, ״damit der Ruhetag ein allgemeiner sei und nicht mit dem Leben in beständigem Konflikt gerathe." Ist ein solches GlaubenSbekenntniß nicht nur eines Lehrers, eines Juden, ist es eines jeden rechtschaffenen, redlichen Mannes würdig? Für uns giebt eS keine andere Alternative. Ist das Verbot göttlich, so ist die Vorsicht Pflicht, so ist, was der Herr Doktor minutiöse Observanzen schilt, nichts als reine Konsequenz der redlichsten Gewissen- Hastigkeit, und so ist die Leichtfertigkeit, mit der er das Verbot behandelt, mehr als sträflicher Leichtsinn. Darf man aber so leichthin mit dem Verbote spielen, so kann, so darf eS nicht göttlich sein, kann und darf seine Quelle nicht als Gotteswort gelehrt werden, ohne mit demselben Leichtsinn die Grundlage alles auf Gott beruhenden Pflichtgefühls zu erschüttern. Für den rediichen Mann giebt cS keine andere Wahl. Vergebens ruft der Herr Doktor die Manen unserer großen Hingeschiedenen spanisch-arabischen Nabbinen an, vergebens die Manen der Hingeschiedenen großen Rabbiner- Versammlungen. Jene philosophisch-gebildeten Rabbiner standen mit Leib und Seele im Judenthume. Der große Maimonides, dessen ״Führer des Verirrten", wie der Herr Doktor erzählt, man verbrannte, ist die erste und schützendste Säule des praktisch.rabbinischeu JudcnthumS geworden,; und wer auch nur oberflächliche Kunde seiner Schriften hat, weiß, mit welcher Entschiedenheit, mit welchem Erlist, welcher Begeisterung er eben dem verschrieenen Zcrcmonialwesen in seinem Jad Chasaka das Wort! redet. Der einseitigen, nicht im Judenthum wurzeln- 1 den, stachen Spekulation waren die Rabbinen feind, feind einem Streben, das mit vermessenem Dünkel nur die Offenbarung Gottes Ln der Natur und Geschichte als Basis der Spekulation hinnimmt, darauf das Gebäude der Erkenntniß absolut und mit dem dort allein gewonnenen Maße der Erkenntniß das Judenthum kritisirend mißt und verstümmelt. Da hat sich von jeher der Hochmut!) erzeugt, der mit Knabenhänden das GotteSheiligihum stürmen zu können wähnt. Wo aber die Offenbarung Gottes im jüdischen Gotteswort als wahrhaftiges Faktum zu der Offenbarung in der Natur ebenbürtig sich gesellte, wo aus judenthüinlichcm Boden die Spekulation sich erhob, wo die Gottesfurcht nicht das in Frage gestellte Ergebniß, sondern die Basis der Erkenntniß bildete, da begrüßten die Rabbinen sie stets freudig und auf dieser breiten gesicherten Basis waren sie jeder Erleuchtung, jeder Geistesentwickelung hold. Und die Rabbinerversammlungen? So kann der Herr Doktor dieselben im Geiste nicht segnen, wie wir ihrer täglich und stündlich segnend gedenken. Wie kein anderes Ereigniß sonst, haben sie der Generation die Augen geöffnet, haben gezeigt, welche Hohlheit, welche Ohnmacht, welche Bodenlosigkeit diesem ganzen Streben iuuewohne und wie die am allerersten jedes Prinzips entbehren, deren erstes und letztes Wort prunkend ״Prinzipien" lautet. Negiren, laugnen, spötteln, das konnte nlan leichten Kaufs zu Hause, aber wo eS galt, offen nun au die Stelle des vermeintlich niedergerissencn Heiligthums ein anderes zu erbauen, da war die Rathlosigkeit so groß, daß die Versammlung jede Frage nach Prinzipien verpönte. Ein solches GlaubenSbekenntniß aber, oder vielmehr ein solches Bekcnutniß des Unglaubens, schützt den Herrn Doktor in Zukunft besser als jede Anonymität. Nicht wir sind die Richter, nicht unsere ״kleine Heerde" das Forum, vor dem er sich zu vertheidigen hat. ES giebt einen Richter jenseits, vor dem wir

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