Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 41-42 (13.10.1886)
- Article
- Das rabbinische Judenthum und die soziale Bildung
- Date
- 1886-10-13
- Page
- 644 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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644 bekennen und verkünden und besiegeln durch That das Bekcnntniß, daß diese Welt ihren Schöpfer und sie ihren Herrn und Meister haben, dessen Eigenthum ein jedes Wesen, dessen Diener eine jede Kraft, dessen Dienst auch sie angehörcn, und nur in feinem Dienste, nach seinem Willen ihre Kräfte zu üben haben. Jedes Stückchen Gesäuertes, das der Jude zu Ostern aus seinem Hause schasst, ist ein Protest gegen die Leugnung Gottes in der Geschichte, ist eine Vcrkündigmig der Menschheit Gottes, dem kein Thron zu hoch, dem kein Sklave zu niedrig, der mit seinem Recht und seiner Liebe da ist die Menschheit zu erlösen. Und die Laubhütte, die der Jude baut, sie baut das Bewußtsein, daß nicht nur in den großen Welterschütternden, weltgestaltcndcn Epochen Gott da sei, daß er auch fort und fort mit dem Menschen wandte, unter Seinem Schutz die -Hütten bauen lehre, mit Seiner Wolken- und Feuersäulc auch durch Wüsteneien schirmend leite, und jede Hütte kenne, und in jeder Hütte jede Seele, und für jede Seele das Himmclsmanua zu spenden wisse. Das sind einzelne Thöne aus dem Einen großen LebcnShallelujah, von dessen äußern Typen der Anonymus einzelnd unznsammenhängende, unverstandene, ja sogar unrichtig wiedcrgegebene Bruchstücke znsammengewürfelt. *) Nicht zu ihnen nur, zu dem ganzen thatigen jüdischen Leben, wie unsere und seine Väter cS geübt, bekennen wir uns offen und frei, und wollen in ihm und für dasselbe unsere Kinder erziehen. Freilich werden wir und unsere Kinder dann so ungebildet bleiben müssen, unsere Bibel noch in einfaltiger Wahrheit als wirkliches Gottcswort zu vcrehren, freilich werden wir daun unsere Kiuder zu ״Moses und den Propheten" hinführen und sie sich selbst über>- zeugen lassen, daß Moses und die Propheten allerdings nur ein solches Indent hum gekannt, werden ihnen den JesaiaS zeigen, der eben die verspottete Sabbathfeier (Jcs. 58, 13, 14) als die höchste, beseligendste Vollendüng gepriesen, der (66, 17) so wenig Bildung hat, sogar von dem Untergang aller. Schweinefleisch, Gewurm und Nagclhier essenden Juden zu sprechen, werden sie den JeremiaS hören lasten, der noch in der Stunde dcS Untergangs um den Preis eben der verspotteten *) Für die lUlösührliche Darstellung und die wiffenschaft» liche Begründung dcS hier in wenigen flüchtigen Ingen angedeuteten Geistes des jüdischen Lebens ist hier nicht der Ort. Die Schrift aus welcher der Anonymus seine Bruchstücke zusammeugelcsen, hat ganz eigentlich den Zweck, den ans Grund ernster wisicnschastlicher Forschung geschöpften Geist des praktischen jüdischen Lebens da:;ulegen. An diesem Geiste geh! freilich Anonymus vorüber. Jene Bruchstücke hätte er in jedem jüdischen Hause finden können. Sabbathfeier die Rettung des Staateverspricht, (Jer. 17, 24 f.), werden ihnen den Daniel und seine Jugendgenossen zeigen, die so ungebildet waren, auf alle Gefahr hin die religiösen Speisegesetze mit angstlichcr Gewissenhaftigkeit zu halten, und dennoch in jedem Zweige der allgemeinsten Bildung alle ihre Zeit- und Altersgenossen überflügelten (Dan. 1); werden ihnen alle die dann folgenden Heroen unserer talmndisch rabbinischen Vergangenheit zeigen, die Alle in gleichem Sinne gelebt und gestorben, die keineswegs, wie die anonyme Unknnde wähnt, in ihren Klausen gebrütet, die sich mitten int Kreise des öffentlichm Lebens bewegt, mit klarem Blick das Leben gekannt und jeden Pulsschlag der Geschichte gefühlt und gewürdigt; werden ihnen auch einen Saadias, einen MairnonidcS, einen NachmanideS, einen Arama, einen Gabirol, einen Adravanel, einen Jehuda Hallevi, einen Aldo, cbm die philosophisch gebildeten spanisch-arabischen Nabbiuen zeigen, von denen nur eine anonyme Unwissenheit einen vergeblichen Kampf gegen das rabbinische Jndenthum fabeln kann und die vielmehr mit innigster Entschiedenheit, wie sie als erste Sterne der sozialen Bildung geglänzt, eben so innig entschiedene Vorkämpfer des rabbinischen Judenthums gewesen, werden ihnen dieses Alles zeigen und sie eben durch Ansklärung rüsten gegen Spott und Wahn des Unverstandes und der Unwissenheit. Aber die Jsolirnng, die unsoziale Jsolirung, die der Anonymus vesenfzt? Wir haben es schon oben geäußert, daß wir eine andere soziale Bildung, ein anderes soziales Leben kennen, als das nur ganz und eigentlich in Gemeinschaft des GasthauSlebenS und der Tafelfreuden aufgeht. Witt man dies Jsolirnng nennen, immerhin. Diese Jsolirung kann der ächte Jude nicht meiden, auf diese Jsolirnng ist er von vornherein von Gott, der ihm die Speisegesetze gab, bei Ertheilung derselben vorbereitet (Lcvit. 20, 25, 26) und gewarnt worden sich durch diese nothwendige Folge nicht irre machen zu lassen. Aber wir kennen eine höhere Gemeinschaft, ein höheres soziales Leben, ein höheres soziales Band, als Gasthauslebcn und Tafelfrendm. Können Inden und Christen auch nicht zusammen essen nnd trinken, so können sie doch zusammen wirken und schaffen, können sich zusammen finden in jedem patriotischen Gedanken, in jedem Patriotischen Worte, in jeder patriotischen That, können Mühen und Sorgen, Kraft und Opfer einen für alles Edle und Gute, alle- Humane und Heilbringende; und wahrlich, wahrlich, wer cs nicht weiß, wer es nicht fühlt, welch ein edleres, dauernderes, würdigeres Band der Achtung und Freundschaft der gemeinsame Schweiß für ein edle«, hohes Ziel um Männerherzen schlingt — edler, dauernder, würdiger-, als alle Vertraulichkeit sybaritischcr Freuden