Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 41-42 (13.10.1886)
- Article
- Das rabbinische Judenthum und die soziale Bildung
- Date
- 1886-10-13
- Page
- 643 (sequence 3)
- Language
- German
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- Homer 1× ep/1025156
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643 sich körperlich anstrengendste Thätigkeit nicht versage, von Gewerbe und Geschäftsleben an Festtagen sich mindestens unterhalte. Der sozial Gebildete — meint der Anonymus — müsse, wie er, so unwissend in der Bibel sein, daß er die Entfernung des Gesäuerten am Osterfeste, das Verbot, Würmer, Blut, Unschlitt, gefallene und tödtlich verletzte Thiere zu essen, für rabbinische Anordnungen halte, dürfe nicht wissen, daß dies für denjenigen Inden ausdrückliche Gotteswortc sind, dem überhaupt noch die Bibel als Gotteswort gilt. Wer im Sommer nicht Milben ißt— meint der Anonymus — wer gefallene und kranke Thiere nicht genießt — wer den Genuß des Blutes und des Ihu schlitts meidet — wer gar so roh ist, vor dem Essen sich die Hände zu waschen, und bei dem Essen — die berührten Theile des Körpers zu^ vermeiden — der — meint der Anonymus — könne unmöglich zu Len sozial Gebildeten gezählt werden! Wir können nicht Helsen. Der Anonymus muß sich beruhigen. Der Anonymus hat Jugcndträume. Die Zeit kehrt nicht wieder, wo der Nuf der Bildung im jüdischen Kreise so leichten Kaufs und wohlseil war, wo religiöse Unkcnutniß, wo srcche Verspottung dcS eigenen väterlichen Glaubens und väterlicher Sitte, wo die Zigarre am Sabbath und ungcnirlcs Gasthos- und Tafel-Leben der geschätzte Stempel der Bildung war. Die Zeit ist unwiderbringlich dahin. Das können nnd üben heutzutage die Ungebildetsten schon. Einen anbein Ernst, eine andere Geistesnnd Herzensbildung gilt cs in unserer Jugend wach zu rufen, sie zu begeistern gilt cs für ihr jüdisches ewiges Gotteserbtheil, mit dem Lichte dcS Gottcsgeistcs, mit der Klarheit ihrer Väter Weisheit ihr Auge zu erleuchten, mit der Gluth des Gotteswortcs an dcmLcbcnsmnster ihrer Ahnen ihr Herz zu erwärmen, auf daß sie mit gottschauendem und meuschhcitlie'vendem Sinne Gott und Welt und Menschheit und in der Menschheit die Gottesscndung ihres StammesbernfeS und im Stamme ihren eigenen begreifen, achten und lieben, mit freudigster Hingebung alle, alle ihre Pflichten als Mensch und Jude und Bürger üben, und für diese Ucbnng sich rüsten lernen mit aller Weisheit der Gottcslchre und aller Kcnntniß des klar bewußten Menschengeistes. Und wenn sie dann die ganze Fülle des jüdischen Berufes, für alles Edle und Gute, für alles Menschliche nnd Göttliche, mit aller' Energie des Geistes nnd Herzens bestätigen werden, dann wird man sie achten, nicht obgleich, sondern weil sie Inden sind, wird sie als die Irenen, wackern, brüderlich gesinnten Meuschcnbrüdcr und Staatcsglicdcr achten, -und wenn sie auch nicht — im Sommer Milben essen, und wenn sie auch nicht Blut und Unschlitt zehren, und wenn sie auch an Sabbath und Festtagen die GotteSferer durch das Opfer dcS Gewerbes bethätigen und am BersöhnungStage die Versöhnung mit Gott und Menschen feiern Freilich, wer so, wie der Anonymus, außer dem Judcnthume steht und mit solch entfremdetem Sinne das Judcnthum anschaut, dem ist eben daS Judenthum überhaupt ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch. Er sicht Zeichen, aber er kennt nicht ihre Deutung und kennt nicht und begreift nicht die Beseligung, mit der sie durchdringcn. So sieht der Barbar nur krause, verschnörkelte, ihm nichtssagende Züge und begreift das Entzücken nicht, mit dem sie den Homer lesenden Griechen erfüllen. So sieht der Vtasirte nur wcrthloseS graues Haar, wo die Pietät dcS Sohnes die greise Locke vom Heimgegangenen Baterhaupte an die Lippen drückt. So wirft der Wüstling den Ring zum Trödler, der dem Neinen das thenerste Pfand der Liebe und der Treue ist. So haben Zeichen überhaupt nur Werth und Bedeutung für Den, der sie versteht und dem sie gelten. Nichts aber ist klüger, absprechender,׳ allwissender, als — die Dummheit. Ein heiliges EpoS ist aber das ganze Leben des Juden von der Wiege bis znnr Grabe. Heilige Denkmälcr der Erinnerung, heilige Zeichen der Pietät, heilige Pfänder deS GottcSbundcS umgeben ihn überall und immer, in jedem Augenblick hat er die Liebe und die Treue gegen Gott und seinen heiligen Willen zu bethütigen, der Geist durchdringt gestaltend sein ganzes Leben, nnd er ist der geheime Zauber, der den ärmsten Inden reich, den gedrücktesten frei, den betrübtesten froh, den schwächsten stark und mnthig macht und ihm die Kraft verleiht, alle Prüfungen zu bestehen, alle, auch die schwersten Aufgaben zu lösen. Werfet die Juden an den isolirtesten Seestrand, in die ödeste Wüste, in den vereinsamsten Kerker, wo er geht, wo er steht, hat er seine Kirche, seinen Priester, seinen Altar bei sich, in sich; die zer-fallendste Hütte wird ihm zum Tempel, der ärmste Tisch zum Altäre, Vrod und Wasser wird ihm Opfer und Kelch, er selbst wird zum Priester und den Gottesscgen und den Gottcsfrieden gewinnt er überall und immer. Die Blume, die das jüdische Mädchen am Sabbath nicht bricht, der Käfer, den der jüdische Knabe am Sabbath nicht fängt, bis hinan zur Kunst, zum Gewerbe, die der jüdische Mann am Sabbath nicht übt, sind ein Protest gegen die Leugnung Gottes in der Natur, sind eine Verkündigung des Weltenschöpscrs. So oft der Jude, so oft die Jüdin den ganzen Sabbath hindurch ihre Hand zurückhalten von jedem Wesen, an keinem ihre Macht ausübcn, keines zu ihrem Zwecke umbildcn und verändern, legen sie dieses Wesen, diese Welt, ihre Welt opfernd, ans seinen Weihaltar, und