Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-10-13 · Heft 41-42 (13.10.1886) · p. 645

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 41-42 (13.10.1886)
Article
Das rabbinische Judenthum und die soziale Bildung
Date
1886-10-13
Page
645 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933195-2967332--23174-2967413
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— an dem geht der ernste Jude und der ernste Christ schweigend vorüber. Wir brechen ab, so manches Wort unauch noch auf dem Herzen liegt. Es ist dies unser erstes Wort, wir wünschen, daß eö auch unser letztes sein könne. Wir suchen diese Ocfftntlichkcit nicht, aber wir meiden sie auch nicht, wo immer wir unser heiligstes Heiligthum angegriffen finden. Mit dem Anonymus sind wir fertig. Um Eins beneiden wir ihn. Um die bewundernswürdige Kunst, mit der er es verstanden, den undurchdringlichen Schleier der Anonymität zu weben. Damit wir ihn nicht unter den gebildeten Zeitgenossen suchen, zeigt er von vorn׳ herein, daß ihm der erste Bcgrifs sozialer Bildung fremd sei. Unter Juden dürfen wir ihn nicht suchen, denn sein Blatt zeugt von mehr als schülerhafter Unkenntniß selbst der jüdischen Bibel. Damit wir ihn aber auch nicht unter Christen aussnchen mögen, giebt er rasch am Schlüsse die Probe, daß ihm auch das eigentliche Vcrständniß der christlichen Bekenntnißschriftcn fehle. Und so müssen wir uns trösten, einem namen- und wesenlosen Schatten begegnet zu haben. Einer Täuschung müssen wir jedoch am Schlüsse noch entgegentreten. Der namenlose Schatten gcrirt sich, als vertrete er in seinen Aeußernngen die Majorität der hiesigen Gemeinde. Das verneinen wir entschieden und laut. So lies ist die brüderliche Liebe noch nicht zum Schatten geworden, so ganz nicht die Pietät für das väterliche Heiligthmn geschwunden. Wir wissen sehr wohl die große Gesammtheit der Gemeinde von Denen zu unterscheiden, die sich so laut als Vertreter der Majoritätsgesinnung benehmen. Wir sind überzeugt, selbst Diejenigen, die unserer Richtung am Ferntesten stehen, perhorrcsziren den Anonymus und sein Blatt und seine ganze Expektoration, sind überzeugt, wenn eben die Majorität, die zu vertreten der Anonymus vorgiebt, sich aussprxcheu könnte, sie würde nur ein Wort der Liebe und der brüderlichen Anerkennnng für ein Streben haben, das kein anderes Ziel kennt, als das Heiligthum in seinem Lichte und seiner Wahrheit wieder aufzubauen und zu erhalten, für das ja auch ihre Väter freudig gelebt und gestorben. Frankfurt, den 5. April 1853. (gez.) Rabbiner Hirsch. WjHe Briefe, ans und Her AGand. Von Pc nie!. (Aus dem Hebräischen übersetzt.)!V. Vor etwa fünfzig Jahren ward bei uns eine fremdartige Strömung bemerkbar. Etwas später als in Deutschland die Reformbewegung, vorgeblich im Geiste Mendelssohns, anhob, begannen die ähnlichen in unserem Lande. Die Männer, von welcher solche anSging, nannten sich ״Maßkilim", Freunde der Aufklärung und Bildung, und hüllten sich in das Gewand jüdischer, gewissenhafter Frönunigkeit — בטלית שכלו 11 — תכלתm die Welt zu täuschen. Sie gaben vor, eine Vereinigung der jüdischen Wiffcnschaft mir der allgemeinen anzustreben, und nannten sich Schüler MoseS Mendelssohns, indem sie zugleich unsere Zeit als die Mcndelssohn'sche Epoche bezeichncten. Man war bis jetzt gewöhnt, einen jeden hervorragenden Mann nach Maßgabe seiner Leistungen zu schätzen und ihm demjcnigen Gebiete zuzuzahlen, auf welchem er speziell gewirkt hat. So nannte man Rabbiner Diejenigen, welche das GvtteSgesetzt gelehrt, das Volk in die Wege desselben geleitet und die heilige Wissenschaft angebaut und bereichert haben, wie unsere früheren und späteren großen GcsetzeSlehrcr. Diejenigen aber, welche sich durch hervorragendes und nützliches praktisches Wirken ausgezeichnet, nannte man. einfach אנשי מעשה, bedeutende Männer, wie man Diejenigen als weise und kluge Männer bezcichnete, welche aus dem Gebiete des allgemeinen Wissend sich hervorgethau. Deshalb verdient auch Mojes Mendelssohn den Namen eines solchen Weisen, aber nicht den eines Nab innen, denn das eigentliche Feld seiner Wirksamkeit war die allgemeine Philosophie. Er war auch ganz speziell ein deutscher Weise, keineswegs aber besonders hervorragend durch den Ausbau jüdischer Wissenschaft und Förderung jüdischen Lebens. Von dem ihm umgebenden Glanze seines umfassenden allgemeinen Wissens fiel auch ein Strahl auf unser Volk, dem er angehörte. Alles dieses wußten diejenigen Männer in Berlin, welche sich so gern Mcndelssohn'sche Schüler nannten, sehr wohl. Die Erfahrung hat auch überzeugend dargcthan, daß diese Freunde der Aufklärung und Bildung — die Maßkilim — dahin streben, die Treue gegen daS jüdische Gesetz zu erschüttern, und zum Abfall zu verleiten. Zwischen ihnen, d. h. zwischen dem noch nicht ausgesprochenen wirklichen Ziele ihres Strcbens und den offen anftrctcnden Reformern in Deutschland, ist kein anderer Unterschied als die Unterscheidung deS Namens und Landes. In Deutschland scheute man sich nicht, unter Anlehnung an den Namen des Red formatorS der deutschen christlichen Welt, Luther, den Namen Reform anzunehmen, worunter man allerdings den vollen Abfall von dem jüdischen Gesetze verstand. ,Bei uns aber hat man solches nicht wagen dürfen. ׳Wurden sie mit ihren geheimen Absichten offen hervorgetreten sein, so hätten sic sich dem Unwillen dcö Volkes. preiSgegcben und auch bei der Negierung keinen Anklang ' gesunden. Deshalb wußten sie in vorsichtiger und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.