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Jeschurun · 1886-10-13 · Heft 41-42 (13.10.1886) · p. 642

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 41-42 (13.10.1886)
Article
Das rabbinische Judenthum und die soziale Bildung
Date
1886-10-13
Page
642 (sequence 2)
Language
German
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642 ins Leben traten, da war es der Direktor der israelitischen Realschule, des Philanthropin, welcher ,erst anonym nud später unter Nennung seines Namens in dem ״Frankst. Jour." die Bevölkerung vor dieser Schule warnte, indem er deren Tendenz als bildnngsfeindlich zu kennzeichnen sich bemühte. Die in Folge dieser Kundgebungen von dem Begründer und Leiter der jungen Unterrichtsanstalt, Rabbiner Hirsch, vor der Ocsfentlichkeit gegebenen Darstellungen haben eine dauernde Bedeutung, als die Darstellung der Stellung des orthodoxen Judenthums zu der modernen Bildung. ES ist gerade in der Gegenwart gewissen Erscheinungen innerhalb und außerhalb des jüdischen Kreises gegenüber unseres Erachtens sehr angezeigt, diese der jüdischen Zeitgeschichte ungehörigen Blätter zu reproduzieren. Das erste ist als Beilage zu dem Frankfurter-Intelligenz-Blatt Nr. 83, Freitag den 8. April 1853 erschienen und lautet: ״Das rabbinische Judenthum und die soziale Bildung. Ein erstes und letztes Wort zur Bcrständigung." Ein mit Nr. 78 des ״F׳׳anksurter Journal" ausgegebenes Blatt hat von der Ankündigung einer Unterrichtsanstalt der israelitischen NeligionSgesellschaft Veranlassung genommen, sich über rabbinisches Judenthum und soziale Bildung in einer Weise zu expektorircn, daß mit der ganzen Expektoration nichts weiter erreicht ist, als dem Publikum zu zeigen, wie sehr dem anonymen Expcktoranten die allerersten Elemente sowohl der sozialen Bildung, als des rabbinischeu Judenthums eine unbekannte Größe seien, und wie sehr man in gewissen Kreisen das rabbinische Judenthum gerne bereits als so autignirt und in der allgemeinen Achtung herabgekommen betrachten möchte, daß auch die leichtsinnigste Gedankenlosigkeit und die begrifjloseste Unwissenheit auf zujauchzende Sympathien im Publikum rechnen zu können vermeinen, dürsten, sobald sie nur über dieses rabbinische Judenthum vornehm den Stab brechen, und wenn sie auch damit tausend Bruderherzen, die noch mit inniger Liebe diesem väterlichen Heiligthum anhangen, in kalter Gefühllosigkeit schmerzlich verwunden. Nicht daher jene in sich selbst zerfallenden anonyinen schülerhaften Ergießungen zu entkräften, sondern diesen Todtenschein unseres jüdischen Heiligthums nicht durch Schweigen zu bestätigen, ist Zweck dieser entgegnenden Worte. Soziale Bildung? Soziales Wissen und Leben? Die Erleuchtung des Geistes, daß er die Verhältnisse und Beziehungen des allgemeinen sozialen Lebens in ihren ans dem Boden der Natur und Geschichte erwachsenden Entwickelungen der Vergangenheit und GestalLungen der Gegenwart wahr zu erfassen und gerecht zu würdigen verstehe — die Veredlung des Herzens, daß es warm für alles Wahre, Edle und Große im weiten humanen Kreise schlage und mit freudiger Hingebung überall bereit sei, wo nur immer es gelte, menschliches Elend zu mindern, menschliches Heil zu mehren — die Entwickelung endlich aller Anlagen un- Kräfte, daß auch mit dem Willen die Fähigkeit sich eine, für das allgemeine menschliche und bürgerliche Heil segensreich thätig zu sein — daS haben wir einfaltige, rabbinische Juden in unserer rabbinischen Einfalt bis jetzt für den alleinigen Stempel wahrhafter sozialer Bildung gehalten und waren so einfältig, zu glauben, daß diese Erleuchtung des Geistes, diese Veredlung des Herzens, diese Ertüchtigung der Kräfte, diese acht soziale Bildung sehr wohl mit treuer, unverbrüchlicher Anhänglichkeit an dem väterlichen Glauben bestehe, ja, in diesem Glauben und aus ihm erst ihre rechte Wurzel und Nahrung ziehe; waren so einfältig, zu glauben, daß der Erleuchtung des Geistes, der Veredlung des Herzens wenig Vorschub damit geschehe, mit der einen Hand der Jugend die Bibel als Gottes Wort zu reichen und mit der anderen den Stab des Leichtsinns darzubicten, mit vermessenem Leichtsinn sich über Gottes Wort hinweg zu setzen und seine heiligen Gebote und Gesetze nach den Bedürfnissen der Mode und der Beqnemlichkeit wegzudeuteln; waren so einfältig, zu glauben, daß gerade die vom rabbinischen Judenthum gepflegte Durchgeistignng und Verklärung des ganzen menschlichen Lebens, die von demselben rabbinischen Jndenthnme gepstegte und ancrzogene gewissenhafte, auf Gott beziehende Würdigung aller kleinsten und größten Lebensmomente zugleich die׳ sicherste Garantie für die allgemeinste soziale Erkenntniß und Gewissen- Hastigkeit biete, also, daß der wahrhaft gebildete rabbinische Jude zugleich der wahrhaft tüchtigste Bürger werden müsse. Alles dies haben wir in unserer rabbinischen Einfalt geglaubt und haben daher, um unsere Jugend der sittlich religiösen Verwahrlosung zu entreißen, und sie einer mit acht sozialer Bildung gepaarten Neligiösität zu bewahren, eine Unterrichtsanstatt ins Leben gerufen, welcher der erste rabbinische Grundsatz als Wahrspruch zum leitenden Prinzipe dient: ohne Religion keine soziale Bildung; ohne soziale. Bildung keine Religion. Zn spät leider — unsere Anstalt ist. bereits er« öffnet, und eine für den Anfang nicht geringe Zahl jüdischer Eltern haben ihr bereits ihre Kinder anvertraut — leider zu spät belehrt uns jetzt der Anonymus eines Andern, zeigt uns zu spat, daß wir in rabbinischer Einfalt einen ganz falschen. Begriff von sozialer Bildung gehabt. Sozial gebildet — meint der Anonymus — sei mir, wer den Sabbath keck entweihe, an Feiertagen

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