Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1886)
- Article
- Die Faselei von dem Rachegotte
- Date
- 1886-09-23
- Page
- 594 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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594 schuft und des Friedens kein Ende sei auf dem Throne Davids und in seinem Königreiche; eS aufzurichten und zu stützen durch Gebühr und Recht von nun an bis auf ewig, ״n?״ "קנאוder ,Eifer* des Ewigen" der Hceresschaaren thut Solches." Ja, selbst für den höchsten Inbegriff der ״Liebe" bringt der Hebräer den Ausdruck: ״ "קנאה״Eifer" in Anwendung: ״Denn gewaltig wie der Tod ist Liebe, hart wie das Grab ist ,Eifer*," singt das Hohelied, das das Verhältnis zwischen Gott und Israel im Bilde bräutlicher Liebe schildert. Vergleiche Joel 2, 18: ״Und der Ewige ,eiferte* für sein Land, und ,erbarmte* sich seines Volkes."*) — ״Eifer" und ״Barmherzigkeit". Und wenn auch der Prophet Nahum mit Wettersturm seine geharnischte Rede beginnt: ״Ein eifernder und rächender Gott ist der Ewige, rächend ist der Ewige und zornglühend, rächend ist der Ewige an seinen Widersachern"!!. s. w סן weih ™ b«■ israelitische Forscher, der jüdische Kenner der hebräischen Sprache, daß der Ausdruck ״Haschem" im Gegensätze zu ״Elokim" die göttliche Milde bezeichnet, die selbst im Zorne Erbarmen kennt;**) und dreimal betont hier Nahum in einem und demselben Satze die göttliche Eigenschaft ״Haschen:", um anzndeuten, ״daß, wenn auch Gott hier als strafender Richter auftritt, er dennoch nicht die ganze Fülle strafender Gerechtigkeit auf das Haupt des Sünders auSschüttet." Erklärend gleichsam, beruhigend und besänftigend, fügt der Prophet hinzu: ״Gott (und wiederum: ״Haschem") ist ja langmüthig, obgleich er groß an Kraft ist" (d. h. wollte er von den ihm zu Gebote stehenden Mitteln Gebrauch machen), ״aber ,ganz ungestraft* kann er doch die Sünder nicht auSgehen lassen.***) So sind auch für uns Juden, die wir tiefer in den Geist der hebräischen Sprache eindringen, der Sprache, die unser Spezialeigenthum ist, der Sprache, in welcher wir unser Herz im Gebet vor Gott anöschütten, der Sprache, die uns ins Fleisch und Blut übergegaugcn ist, in welcher wir fühlen und empsindcn, die Ausdrücke zu Psalm 94: ״Ein Gott der Vergeltung ist,Haschen:*" (״der gnädige Gotb" — Berachoth 60, b), ״der Gott der Vergeltung" "״ "הופיעerglänzet", ״erstrahlet", deutliche Winke dafür, daß der Allgütige selbst im Zorne freundlich herablächelt, um Sich von dem einzigen Bußewörtchen: ״Ich sündigte schwer, möchte mich aber in meinem Renegesühl wieder in deine väterlichen LiebeSarme •*) Sota 3, a. **) Pesachim 87, h. ***) ״Nicht gan; ungestraft lasten" mit: ״nicht dir Sünde auf ein Mal auöfcgcn" in -cn Zehn Geboten, sondern ״in Abrechnang bringen" sind ja dem Sinne nach identisch. werfen" sofort erweichen zu laffen.*) Hartwig Wessely, Lied 13, seiner Mosaide, schwebt mir in diesem Augenblicke vor: ,"נם "נקמת" אל בלה כבוד אומרת ונתיבות חמתו עדי תפארת, אל צריו ובתיו יתן ירים"; und durch Schiller, (״die Künstler") möchte ich seine erhabenen Worte veranschaulichen: ״Der, wo er schreckt, nach durch Erhabenheit entzücket, Und zum Verharren selbst sich schmücket." Denken wir an ״ אל הבבור הרעיםGott der Ehre, des Glanzes, der Herrlichkeit, donnert." Gab es wohl eine größere Blasphemie, eine tiefere Verletzung der Ehre Gottes, als die Anbetung des goldenen Kalbes? Und doch sprach Gott im Augenblicke dieser höchsten Versündigung zu Moses: ״Und nun lasse mich" 11. s. w.? ״Haben wir denn," so fragen unsere Weisen, ״bis jetzt schon vernommen, daß Moses zu Gott für das Volk gebetet hat?" ״Allein," so antworten sie, ״Gott wollte eben seinen Diener Moses zur Fürbitte für da§ Volk, das sich zu solch feigem Abfall herbeilaffcn konnte, anregen; denn es wäre Ihm weh, sie sonst gebührend bestrafen zu müssen." Er ist ja eben ein Gott der Liebe, der Gnade und der Barmherzigkeit, ״der tiefes Weh empfindet, dessen Mitleidsgesühl rege wird, so die verdiente Strafe den Frevler trifft."**) Und ein solches allbarnchrrziges Wesen wagt man einen Gott der Rache zu nennen? Was aber hat alle diese Vorurtheite geschaffen? Nichts Anderes als der völlige Mangel an Kenntniß der talmudischen und midraschifchen Schriften, die zur Auffassung der Bibel unabweisbar nothwendig sind; und schon Gesenius in seiner Geschichte der hebräischen Sprache giebl zn, ״daß die Talmudisten die tiefsten Kenner der hebräischen-Sprache waren." Hieronymus, der größte Kirchenlehrer seiner Zeit, schämt sich daher nicht, unumwunden einzugestehcn: ״Das haben wir aus der innersten Quelle der Hebräer geschöpft und folgten nicht dem Flusse der Meinungen und JrrLhümer, von denen die ganze Welt erfüllt ist" u. s. w. Derselbe: ״Selbst Origines, Clemens, Eusebius und Andere mehr, wenn sie irgend über Schriften diSputirten, und das, was sie sagen, beweisen wollen, Pflegen folgendermaßen zu schreiben: ״Ein Hebräer erzählte eS mir, ich habe eS von einem Hebräer gehört, dies ist eine Meinung der Hebräer.***) *) Schon in dem Epitheton אל״" zu אל נקמות״" liegt stillschweigend der ״gemilderte Slraföearin", nach Rasch: 2. B. M. 34, 6. Siehe daselbst! **ו Synhedrin, Aöschn. 6, Mischna 5. . ***) ״Wort zu seiner Zeit oder die Autorität der jüdischen Traditionslehre." S. Pleßner, Breslau 4825.