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Jeschurun · 1886-09-23 · Heft 38 (23.9.1886) · p. 595

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 38 (23.9.1886)
Article
Die Faselei von dem Rachegotte
Date
1886-09-23
Page
595 (sequence 3)
Language
German
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595 . Das Resümee LeS bisher Gesagten ist: ״Die Strafe dehnt sich nur — aus Gründen der Gerechtigkeit — bis zum vierten Geschlechte auö. Die gött-!iche Liebe aber ist grenzenlos, endlos." Aber nur israelitische Forscher, an der Hand der Auslegungen der Traditionßiehre, — denn Kunde der Grammatik und der Dialekte allein bildet noch keinen gründlichen Kenner der Bibel — vermögen eben, wie wir cs nachgewiescn haben, das Grundfalsche der Auffassung von einem ״Nachegotte" einzuschen. Hier heißt es mit Goethe: ״Wer den Dichter will verstehen, muß in Dichters Lande gehen.*) Wer das ״schriftliche Gesetz" vollkommen verstehen will, muß seine ebenfalls zum Sinai hin aufragende Schwesterlehre: ״das mündliche Gesetz" — als Er- Weiterung und Beleuchtung des schriftlichen Gesetzes — beherrschen. Und das ist nur bei den Juden der Fall! ״Gott ist ein großer Richter, und ein Gott, der zürnt jeglichen Tag." So spricht David im 7. Psalm, und will damit andeuten, daß Gott selbst im Unwillen ob der Sünde die Wagschale der Gerechtigkeit in Händen Hai. Daß Gott den Sünder, so er nicht Buße thut, bestraft, muß jeder Mensch gerecht finden. Sollte denn etwa der Verbrecher, welcher der irdischen Gerechtigkeit entschlüpfte, nicht göttlicherscits bestraft werden? Wird cS irgend Jemanden in den Sinn kommen, den großen Dichter einer Verehrung des ״Gottes der Rache" anzu klagen, weil er singt: ״Es lebt ein Gott zu strafen und zu rächen?" Und warum geht man über alle die Stellen der Bibel hinweg, die die Bereinigung der göttlichen Strenge mit seiner Milde in Len schönsten Farben malen, gegenüber den unzähligen Aussprüchen, die ״ausschließlich von Gottes Liebe, von seiner väterlichen Huld und Gnadenfülle" sprechen. Daß man der wenigen Zitate wegen, die von ״Rache" sprechen — selbst nach dem trockenen Buchstaben, ohne die gründliche Auffassung der Hebräer genommen, — auf einen absoluten ״Nachegvii" schließen will und sein Auge abwendet von den unzähligen Stellen, in welchen die Liebe Gottes, die unbegrenzte Liebe Gottes klar und deutlich gepredigt wird — das an und für sich spricht für eine niedrige Gesinnung, für ein böswilliges Vorurtheil, das nun einmal vor einer kräftigen Widerlegung sein Haupt nicht beugen mag. (Fortsetzung folgt.) *) ״Noten und Abhandlungen zum westtöstlichcu Divan." Druckfehler. Vorige Nummer in der Note Seite 578 statt ״Ninner" lies ״Winer". Indische Kiese 6ns und Mer Rußland. Von Pettiel. (Ans dem Hebräischen übersetzt.) II. Es giebt nichts Edleres und des Menschen WürdigercS als die innige Theilnahme an den Sorgen und Bedürfnissen des MitbrudcrS. Sie ist eine der Säulen, auf welchen die Menschengesellschaft beruht. Dieses Bewußtsein der Zusanunengehörigkeit, welche dazu drängt, auch dem räumlich noch so weit entfernten Bruder Beistand zu leisten, äußert sich in zwiefacher Richtung: in der Leistung materieller Hülfe und in der Förderung geistiger und moralischer Interessen. ׳ Was die Erstere anbelangt, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß das hierin Geleistete unbedingtes Lob und warme Anerkennung verdient. Wenn aus die Nachricht von Hungerönoth, Kriegselend, FcuerSbrunsL u. bergt, der Bruder in der Ferne Geld, Getreide, Gewandung u. s. w. sendet, so thut es seinem Verdienste keinen Abbruch, selbst wenn von diesen Spenden der Bruderliebe auch Personen zugctheilt werden sollte, die solcher nicht würdig oder unbedingt bedürftig waren. Er hat.ein Liebeswerk in schönster Weise geübt, selbst wenn dasselbe seitens der Empfänger nicht immer ganz zweckmäßig und gerecht angcwendet werden möchte. Aber dieses wird man nicht sagen können in Betreff der Förderung geistiger und moralischer Interessen. Denken wir uns, es hatte Jemand sich vorgenommen, den geistigen und sittlichen Zustand seiner entfernten Brüder zu verbessern, so liegt die Gefahr sehr nahe, Laß der durch Unkeuntniß der betreffenden Berhältnisse und durch Unverstand in der Veurtheilung des denselben Angemessenen dainit herbeigefüljrte Nachtheil den Nutzen bei Weitem überwiegt. So wird die gute Absicht oft zum Schaden und Verderben. Wir sehen solches schon in der alten Zeit. Der Richter Gideon war von dem gewiß lobenswürdigcn und edlen Gedanken beseelt, durch den aus den freiwilligen Spenden des Volkes hcrgcstclltcu Ephod in Ophra cm bleibendes Andenken an die wunderbare Rettung GotteS für die spätesten Enkel zu stiften, und dennoch ward gerade dieses Dcnkzeichcn zum Verderben. Der Mensch vermag eben nicht die Wirkung seiner Handlungen für die zeitliche und räumliche Ferne zu berechnen. Die Erfahruug lehrt, daß deS Menschen Einsicht meistens auf das ihn! eigcnthümlichc Gebiet beschränkt ist. Der Sterblichen Verstand ist größtentheils auf das Naheliegende gerichtet, und ihr begrenzter Horizont läßt sie nur die ihnen bekannten Verhältnisse übersehen. Hierin entfaltet sich ihre ganze Geisteskraft und mag oft Bedeuteuderes leisten, als es Weitsichtigeren, Weiseren und Edleren vergönnt ist. Und zwar gerade wegen ihrer

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