Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-09-16 · Heft 37 (16.9.1886) · p. 578

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 37 (16.9.1886)
Article
Die Faselei von dem Rachegotte
Date
1886-09-16
Page
578 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933191-2966971--22917-2967023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

578 Wer jüdisches Wissen hat, ist mit dem weisen Salomo überzeugt: .,Die Wege der Thora sind Wege der Lieblichkeit, und alle ihre Pfade predigen den sanften Frieden." Wenn man aber ausschließlich über die FreundschaftSbündnisse der Dämon und Phintias, Patroklos und Achilles, Pylades und Orestes hört, liest und schreibt, aber jenen herrlich blühenden Freundschaft«- kranz nicht kennt, der in der Bibel die brüderlichen Freunde ״David und Jonathan" umschlingt, dann freilich fühlt man sich ausgestoßcn aus der Korcrie christlicher Mitschüler, dann freilich muß man schweigend die Lästerung des ״Nachegottes der Juden" mit anhören. Er schweigt, er resignirt; doch in seinem Innern pocht es: ״Mir schwebt ja noch aus den KonfirmationSstunden" u. s. w. Denn glücklicher, bezw. unglücklicher Weise, ist ihm von damals her das ״Zweite Gebot" noch bekannt. Also der alte Vorwurf: ״Wie kann man das vierte Geschlecht noch für die Sünden der Ahnen büßen lassen?" ״Daß diese Stelle", sagt selbst ein keineswegs orthodoxer Ausleger in seinem Pentateuch-Kommentar im Einklang mit Talmud und Midraschim, ״vielen christlichen Gelehrten zu den Faseleien ,von einem Gotte der Rache' Veranlassung geben konnte, ist unbegreiflich." Bevor wir jedoch die so sehr mißverstandene Stelle in den ״Zehn Geboten" beleuchten, erlauben wir uns die bescheidene Anfrage an die Christologen, die ihren Jüngern auf Fakultäten von dem ״Judcngotte der Rache" predigen, die bescheidene Frage nämlich: ״Wer ist der Judengott, und wer denn eigentlich der ChristengoLL?" Sollen Theologen den Ausspruch Jcsaias nicht kennen: ״Der Gott Israels ist der Gott aller Erdbewohncr"?*) Sollen sie von Maleachis Ausruf: ״Wie? ist nicht ein Vater uns Allen, hat nicht ein Gott uns erschaffen?" prinzipiell nichts wissen wollen? WaS faseln sie denn von einem spezifischen Judcngotte?! Sollte ev in der That noch einen ..Rachegott" geben? Vielleicht der Jn.qnisitionögott, der im Namen der ״Licbe", Stöcker'schcr ״Liebe", die Inden verfolgt? ״Wir haben uns in des Kampfes Wnth nicht besonnen und nicht berathen," sagt Schiller in der Braut von Messina׳. So auch die Feinde Jnda'sk Sie hassen, sie feinden an, darum fort, fort mit jeder objektiven, sachlichen Forschung; die besonnene Untersuchung könnte, behüte Gott, die Gcmüther beruhigen, könnte den Flügelschlag des auswallenden NischußgefühlS hemmen. *j Jrsaia 54. 5= und das wäre ja langweilig. Kein Christenblut flösse dann am Sederabend zwischen den Zähnen eines Juden, Synagoge und Thoraroilen wären in Neustettin ״nicht" von Judenhanden in Brand gesteckt worden!! Darum spreche inan ohne Bedenken gegen seine eigene Ueber- Zeugung, knechte sein eigenes besseres ״Ich", der Zweck heiligt ja die Mittel!! Ist cs möglich, daß ein Volk, von dem der Talmud (Jebamoth 79, a.) rühmt, ״es wären seine Signaturen nur Barmherzigkeit und Wohlthätigkeit", einem ״Rrchegotte" die Krone der Huldigung aufs Haupt setzet? Aber was hilft den Talmud zitiren, der seine Juden besser kennt als die Christen ihn kennen, der Jude ist und bleibt herzlos und liebeleer; und was den ״jüdischen Rachegott" betrifft, so stellen diesen sogar gelehrte Männer unter den Christen, die ״liberalen" Sinn haben, unwiderlegbar fest. *) Wir aber möchten es doch versuchen, vielleicht einige wenige Freunde der Wahrheit zu überzeugen. Die so sehr verkannte Stelle lautet im Urtext: "פוקד עון אבות על בנים על שלשים ועל רבעים לשנאי" .,der da suchet die Missclhal der Väter an Kindern, Enkeln und Urenkeln heim, nämlich meinen Feinden", "'״ "ועושה חסד לאלפים לאהבי ולשומרי מצותder aber Gnade erweiset bis ins tausendste Geschlecht, denen, die mich lieben und meine Gebote halten." (Siehe alte und neue Bibelerklärer.)**) Mit Recht glaube ich hier von vorherein auf die göttliche Liebe aufmerksam machen zu müssen, die sich bis iuö taufenufte Geschlecht hinein erstreckt, während den Strafen Grenzen gesetzt sind, — bis hierher und nicht weiter, — mit den Urenkeln aufzuhörcn. Und nun frage ich, wie es die logische Konsequenz erheischt, ob, wenn im zweiten Satzgliede die unerschöpfliche Jnm Gaudium der Leser sei hier erwähnt, daß Dr. Georg Benedikt Ninner, königlicher Kirchenrath und ordentlicher Professor an der Universität zu Leipzig, in seinem ״Biblischen Nealwörterbnche" Radix: ״Kuß", licbebcdiirstig und knsselechzend, den Nabbinen folgenden ridiculen Vorwurf macht: ״Die ׳Herzlosen' Nabbinen, Bercschith Nabba zu Gen. 2V, 11, wollen nur drei Arten Küsse gelten lassen: den Kuß der Ehrfurcht, der Begegnnng und des Abschieds." Sßfein lieber Herr Professor! Da es nach Nohling und Genossen Thatsach.׳ ist, daß die Rabbinen eine Masscnabschlachtnng von christlichen Mädchen bchufö OsterbluteS anempfehlen, so versteht cs sich' ja von selbst, daß dieselben Nabbinen empfindungslos beim Anblick des zarten Geschlechtes bleiben! — Daß Herr Nohling mitklenveile durch den pseudonymen Brimanus entlarvt wurde, ist für Antisemiten eine höchst unangenehme Thatsache!- **) Vergl. ganz besonders die lichtvolle Erklärung im S. R. Hirsch'ö לי Pentateuchkommentar, und die Predigt zu שכת תשא in' der II. Liefernna der von mir heraus, gegebenen Predigten meine« Vaters לצל aus feinen ״Nachgelassenen Schriften-. j

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.