Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-09-09 · Heft 36 (9.9.1886) · p. 562

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 36 (9.9.1886)
Article
Der Gottesruf
Date
1886-09-09
Page
562 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933190-2966891--22860-2966937
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

562 sinnen, durch welche cr sich der Gunst GottcS versichern und seinem Geschicke die freundlichste Wendung bestimmen könne. Vierzig Tage hatte MoscS darauf ordnend und unterweisend inmitten deS vsrirrlcn Volkes'geweilt, da berief am ersten Ellul Gott ihn wiederum zur Sinai׳ höhe, auf daß er aufs Neue für Israel die Tafeln des göttlichen Zeugnisses empfange. Das Wort, welches Gott au MoscS damals, nach dieser großen Versündigung dcS Volkes, richtete, lautet aber: ״Haue dir zwei Tafeln von Steinen wie die ersten; ich werde auf die Tafeln die Worte schreiben, die aus den ersten Tafeln, welche du zerbrochen hast, gewesen warcir." (2. B. M. 34, 1.) Hierzu bemerkt das erläuternde Wort (Hirsch'S Kommentar z. St.)-. ״Die Bedingung der Wiederkehr der ursprünglichen innigen Beziehung zu Gott ist die Wiederaufnahme seines Gesetzes in unsere Mitte als einzigen Vermittler dieser Beziehung. Hat das Volk das Gesetz gebrochen, so hat cS Gott die unbeschriebenen Tafeln hinzurcichcn, um sich auf die neuen Tafeln das alte Gesetz aufs Neue non Gottes Finger zu erbitten. Unsere liebertreiungen ändern nichts an dem Inhalt dcS göttlichen Gesetzes. Gott reformirt nicht das Gesetz nach unserer Schwäche, nnvcrändcrt wartet daS verschmähte Gesetz unserer Umkehr und Rückkehr zn seiner ungeschmälertcn Huldigung." Alljährlich mit der Wiederkehr dcS Ellm tritt diese an jenem ersten Ellul nnS gewordene '?ehre in ihrer ganzere Bedeutsamkeit nnS in dem Schaforhall entgegen und harrt noch immer auf nufer Verständniß und unsere Anerkennung. Wie sehr sind lvir der uns;ugelviesenen Aufgabe untren geworden, und der alte Wahn, dem unsere Ahnen am Choreb zum Opfer gefallen, bcthört immer aufs Neue unfern Sinn. Obgleich uuS GottcS Allniacht seit Jahrhunderten wunderbar geführt und wie in keines andern Stammes Geschichte sich in dem Gesänne Israels die vorseheudc Waltung Gotles sichtbar kundgiebt, so daß schon seine nackte Existenz den überzcngcndstcu Beweis derselben bildet, haben wir dennoch nicht bas volle Vertrauen zu Ihm, unferm Vater und Herrn, und wagen cS nicht. Ihm den Schwur der Treue zu bewahren, den wir am Sinai gelobt. Wir lcisten seinem Gebote nicht unbedingten Gehorsam und vermeinen, dieses Gesetz Gottes unserer Kritik unterstellen zu sollen, um aus demselben alles DaSjenigc zu entfernen, welches vor unserer EintagSwcisheit keine Gnade findet. Wir wagen cs nicht, Gott zu gehorchen und haben den traurigen Mnth, an Stelle dcS göttlichen Gesetzes ein anderes unserer Mache zu proklamircn. Wir beben nicht davor zurück, diesem gefälschten Iudcnthnm Tempel zu errichten und Pfaffen zu bestellen, welche sich nicht entblödcn, vor diesem Idole auSzurufen: Dieses ist dein Gott, Israel! Und mit einem daS göttliche Gesetz in jedem Augenblicke verleugnenden Leben und einem schalen, die Sinne! schmeichelnden, prunkvollen KnltuS glaubt das arme, mißleitete Volk unter Führung seiner Pfaffen Gott zn dienen und Gottes Wohlgefallen zu erlangen. Wohl hallt der Schofar durch Israels Reihen, und trotz allen Fehls und WahnS findet cr die Gemit »her noch nicht ganz uncmpsindlich für seinen Ruf, — aber die Pfaffen machen sich zu Interpreten dieses RufcS und täuschen daS Volk׳ durch unwahre Deutung. Sic drängen sich zwischen Israel und seinen Gott und predigen die Lüge und lehren die Unwahrheit. Sie gaukeln den- Volke vor, als ob sic, die Pfaffen, Propheten und Priester seien, anSgestattct mit der Autorität, das Indenthum nach den jeweiligen Anschauungen zn resormiren, ausgerüstet mit der Kraft deS LöscnS und BindcnS und SegucnS. Und sie benutzen gerade diese Zeit des Ellul und Trschri, um ihre Macht und ihr Ansehen im Volke zn befestigen und den Abfall und die Luge zu verbreiten. DaS arme Volk dünkt sich überaus fromm und vom acht jüdischen Geiste beseelt, weil seine Pfaffen eS bereden, daß Gott cS mit seinen Geboten gar nicht so ernst gemeint habe. Alle die vielen Ge- und Verbote seien doch nicht für die Ewigkeit berechnet. Wo gebe cS denn etwas unter der Sonne, welches nicht dem Wechsel unterliege? Für die ungebildeten Voreltern, für den Orient, für ein abgeschlossencs StaatSleben mögen die Gesetze wohl recht verständig und heilsam gewesen sein, aber für die Gegenwart, die gelehrten Juristen und Acrztc und die feinen Kommerzicnraths-Gattinnen und Töchter bestimmt nicht! Im Pricstergewande will man nicht kritisch sein, und nicht für I?dermann ist das nüchterne Schauen von Nutzen; den starkgcistigcn Männern und den hochgebildeten Frauen kann man cS aber schon an vertrauen, das; es eigentlich ein frommer Wahn überhaupt sei, an ein offenbartes Gesetz Gottes buchstäblich zn glauben. IeLcnsalls darf sich daS gegenwärtige gebildete und aufgeklärte Zeitalter von der Last befreit wissen und sich als fürdaS Jndenthiun ״begeistert" fühlen, so cs nur den Namen Jude nicht verleugnet und an den ״hohen Festen" sich im Tempel um den ״Priester deS Herrn" schaart, auch solchen reichlich be- ןofbet und die Tempel mit allem Luxus eines verfeinerten Geschmackes anSstattet. So der Pfaffen trügerische Lehre. Wo ist der Mann, der ln einer dem Iudcnthnm durchaus entfremdeten Gemeinde den Mnth hätte, der Wahrheit die Ehre zu geben und den Irrwahn;1! bekämpfen, der es wagte, zu seiner Gemeinde zu sprechen: Gottes Gesetz ist unveränderlich, und daS Iudcnthnm ist Gottes Gesetz. Ihr könnt nicht willkürlich ein anderes als GottcS Gesetz beobachten. Wenn der Schosar

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.